Neuland für Judoka Brussig: Auch blinde Sportler in Baku

Auf den gemeinsamen Jubel mit ihrer Schwester muss Ramona Brussig in Baku auf jeden Fall verzichten. Bei den Paralympics von London holten die beiden sehgeschädigten Judoka binnen weniger Minuten Gold, nun startet die jüngere der Zwillingsschwestern alleine bei den Europaspielen.

Baku.. "Sie ist zu leicht, das haut nicht hin", sagte die 38-Jährige am Brunnen des Athletendorfes zu der ungewohnten Situation. "Das ist ein bisschen komisch, aber es muss auch mal so gehen."

Und noch etwas ist ganz anders als sonst - in der Heydar-Aliyev-Arena von Baku werden die Sehgeschädigten in jeweils einer Gewichtsklasse in einem eigenem Turnier in den Wettkampftag der Sehenden integriert. "Das ist echt Neuland für uns", berichtet Brussig vor ihrem Auftritt.

Vor dem gemeinsamen Teamfoto musste sie ihre neuen Teamkollegen erst einmal kennenlernen. Bei den Sehgeschädigten besteht die Mannschaft aus ihrer Schwester und fünf bis sechs Männern, in Baku sind es alleine 18 Athleten. "In so einem großen Team muss man mehr Rücksicht aufeinander nehmen", sagt die zweimalige Paralympics-Siegerin zu den Unterschieden. "Es sind alle sehr nett, die Mädels haben mich direkt am Flughafen angesprochen. Wir sind sehr herzlich empfangen worden."

Zu der Integration ihres Wettbewerbs äußert sich Brussig noch abwartend: "Ich weiß nicht wie das ankommt, ob das vielleicht auch untergeht." Verkehrt sei die Idee aber auf keinen Fall, betont sie.

Durch die Hitze von Baku bewegt sie sich an der Seite ihres langjährigen Trainers Stefan Saueressig. Der Rechtsanwalt ist wie sein sportlicher Schützling noch zurückhaltend vor einer endgültigen Bewertung des integrativen Wettbewerbs. "Ob man das auf Dauer machen kann, wage ich zu bezweifeln, weil auch bei den Sehgeschädigten der Zirkus schon ziemlich groß ist", sagt er. "Die Leistungsdichte ist enorm gewachsen."

In der Szene wird von zahlreichen Athleten berichtet, die zuletzt noch bei normalen Wettkämpfen starteten, und nun zu den Sehgeschädigten wechseln. Brussig selbst besitzt auf ihrem besseren Auge eine Sehstärke von zehn Prozent und zählt auch im höheren Sportleralter noch zur absoluten Weltspitze.

Im Gegensatz zu dem restlichen Judo-Team der Nicht-Behinderten hat sie ihre Qualifikation für Olympia 2016 in Rio de Janeiro schon sicher. "Ich stehe hier nicht unter Druck, es ist mehr eine Präsentation", sagt sie zu ihren Erwartungen. "Ich will mich gut verkaufen, aber ich kämpfe auch eine Gewichtsklasse höher." In Baku tritt sie in der einzig ausgetragenen Kategorie bis 57 Kilogramm an.

Ihre leichtere Schwester Carmen kann deshalb bei den Europaspielen nicht am Start sein, bei den Sommerspielen soll kommendes Jahr dann noch einmal ein krönender Höhepunkt folgen. "London ist von der Stimmung und vom Publikum schwer zu toppen", erinnert Brussig. "Aber Rio wird noch einmal sehr interessant."

Ob sie dann auch im Alter von 39 Jahren noch weitermacht? Es gehe langsam auf jeden Fall in die "Schlussphase", murmelt sie leise. Vorher sollen aber auf jeden Fall noch weitere Erfolge folgen.