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Das Rennquintett der Formel 1 fährt volles Risiko

24.09.2010 | 17:14 Uhr

Singapur. Fünf Piloten kämpfen noch um den Weltmeistertitel in der Königsklasse. Auch für Sebastian Vettel geht es in Singapur um alles. Doch der Red-Bull-Pilot sieht den Druck bei der Konkurrenz.

Das Riesenrad, das sich über dem Fahrerlager beim Großen Preis von Singapur dreht, ist das falsche Sinnbild für den Endspurt in dieser Formel-1-Weltmeisterschaft. Zu langsam, zu unspektakulär. „Das wird noch eine Achterbahnfahrt“, sagt der unbeteiligte Beobachter Michael Schumacher, „diese Saison ist so ungewöhnlich, die wird auch am Ende voller Überraschungen sein.“

Noch fünf Rennen, fünf Titelkandidaten, fünf extreme Charaktere. Die schwül-heiße Nacht von Südostasien (Sonntag, 14 Uhr, live bei RTL und im Ticker von DerWesten.de) könnte die erste Entladung im Rennquintett bringen. Von jetzt an zählt das, was die Piloten so gern „kontrollierte Aggressivität“ nennen. Die lange Nacht in dem asiatischen Stadtstaat wird für Mark Webber (187) Punkte, Lewis Hamilton (182), Fernando Alonso (166), Jenson Button (165) und Sebastian Vettel (163) zur Schnittstelle zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Volles Risiko im Rennquintett. Alles auf Sieg.

Spannend wie noch nie

Fünf Mann, die bis zum Schluss um den Titel kämpfen, das gab es noch nie in 61 Jahren Formel 1. Bislang ging maximal ein Trio mit Aussichten ins letzte Rennen. Doch jetzt, wo die aussichtsreichen Fahrer alle innerhalb der Punktemenge eines Sieges liegen, ist das Novum gar nicht so unwahrscheinlich. Es sei denn, die kapitalen Schnitzer und Ausfallerscheinungen greifen weiter um sich. Das Auf und Ab verschiebt sich schon seit März von Wochenende zu Wochenende.

Der einzige Fahrer, der in den letzten beiden Rennen gepunktet hat, ist Sebastian Vettels australischer Red-Bull-Gegenspieler Mark Webber – das brachte ihm die Führung ein. Auf die letzten vier Rennen bezogen hat keiner so oft gepunktet und gewonnen wie Fernando Alonso mit Ferrari. Ein Big Bang, wie ihn Lewis Hamilton in der ersten Runde von Monza produzierte, könnte viel vorentscheiden. Oder, umgekehrt, die Rechnung von Alonso: „Der, der es fünfmal aufs Podium schafft, wird Weltmeister.“ Konstanz ist alles, aber nur Webber und Button hatten über das Jahr hinweg keine großen Schwankungen.

Vettel sieht sich als Außenseiter

Und der, der alles scheinbar am coolsten nimmt, ist Sebastian Vettel: „Ich bin der letzte in der Reihe, der Außenseiter. Die anderen vor mir haben den größeren Druck“, behauptet der 23-Jährige. Er bekommt in diesem Jahr noch einmal die Chance, jüngster Champion der Geschichte zu werden, und hätte er in den 14 bisherigen Rennen nach pessimistischster Rechnung nicht 111 Punkte liegen lassen, wäre er es schon. Der Heppenheimer weiß, dass er vor allem seinen Über-Ehrgeiz unter Kontrolle bringen muss. „Ich habe keinen Grund, meine Herangehensweise zu revolutionieren“, sagt er vor dem Start in den langsamen und winkligen Tigerkäfig von Singapur. Nach vorn denken, nach vorn lenken, das lebt Vettel: „Wie viel Risiko ich eingehe, entscheide ich je nach Situation. Wenn sich die Chance ergibt, einen Platz gutzumachen, dann nehme ich sie wahr.“

Eine kaum versteckte Risikoprognose. Unterschrieben auch von Titelverteidiger Jenson Button, für den jetzt alles viel einfacher erscheint: „Vorsichtig fahren ist schwierig für mich. In diesem Jahr ist es viel einfacher. Ich muss kämpfen, weil ich zurückliege. Ich genieße es, aggressiv zu sein.“ Für den direkten Gegenspieler Lewis Hamilton ist das ohnehin keine Frage. Nach dem Übermut von Italien hat ihm das McLaren-Management ausdrücklich mitgeteilt, dass er sich nicht ändern soll. „Man vergisst es nicht, aber man akzeptiert es“, sagt Hamilton über den jüngsten Fauxpas.

Webber zurückhaltend

Spitzenreiter Mark Webber macht generell einen zurückhaltenden Eindruck, er ist der Meister des kalkulierten Angriffs. Sein Druck ist ein hausgemachter. Weiß der 34-Jährige, ob er noch jemals ein grundsätzlich so überlegenes Auto und damit eine weitere Titelchance bekommt? „Es macht keinen Unterschied, ob jetzt zwei, fünf oder acht Mann gegen dich fahren. Es kommt vor allem darauf an, die Rennen zu beenden.“

Der nächste Fehler, im Rennen, in der Technik, in der Strategie kann der entscheidende sein. Alonso, der bereits mit dem achten Motor operiert hat das emotionalste Comeback seiner Titelchancen gefeiert: „Wir wollen den Schwung behalten. Aber ein Ausfall, und der WM-Zug ist komplett abgefahren.“

Noch benehmen sich die fünf Fahrer am Rande des Marina Bay Street Circuit wie formvollendete Gentlemen. Noch.

Elmar Brümmer



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