Mit Mut in die beiden Endspiele

Wolfsburg..  Jürgen Klopp muss diese Stichelei mitbekommen haben. Das war unvermeidlich, denn entgegen landläufiger Meinung sind die Anhänger des VfL Wolfsburg durchaus dazu in der Lage, über 90 Fußballminuten hinweg eine bundesligawürdige Stimmung in ihrem Stadion zu erzeugen. Also sangen sie aus vollen Kehlen eine halbe Stunde vor dem Spielende gegen Borussia Dortmund: „Im Finale schießen wir euch ab“. Diese forsche Ansage war legitim, denn die Chancen dazu hatten die Wölfe bereits in Klopps letztem Auswärtsspiel mit dem BVB am Samstag, ihr 2:1 (1:1)-Sieg wirkte zwei Wochen vor dem Pokalfinale beinahe gnädig.

Viel Aufwand für nichts

Genau so wie die VfL-Fans wollte der Trainer der Schwarzgelben die vermeintlichen Kräfteverhältnisse nicht bewerten: „Dafür, dass Wolfsburg in der Tabelle 25 Punkte vor uns steht, sind wir nicht chancenlos. Das wird ein geiles Finale“, rührte er kräftig die Werbetrommel für ein ausgeglichenes Wiedersehen in Berlin. Seine Zuversicht zog Jürgen Klopp aus Marco Reus’ Rückkehr und dem „überragenden Schlagabtausch in der ersten Halbzeit, bei dem es hüben wie drüben einschlagen konnte“, wie sein Trainerkollege Dieter Hecking erkannt hatte.

Den Dortmundern hätte durchaus ein zweites oder gar drittes Tor gelingen können – den Wolfsburgern allerdings viel eher ein drittes, viertes, fünftes. Wenn dieses Spiel mit Blick auf den 30. Mai dazu dienen sollte, bisher nicht ausgemachte Eigenschaften beim Gegner zu entdecken, waren die Erkenntnisse mager. „Wolfsburg hat nichts gezeigt, was wir nicht schon gekannt hätten“, konstatierte Klopp. Dem BVB-Coach wurde jedoch einmal mehr die mangelnde Standfestigkeit seiner Abwehr vor Augen geführt, in der Mats Hummels wegen Fußbeschwerden beim Aufwärmen seinen Einsatz abwinken musste.

Bereits zum vierten Mal in dieser Saison entpuppten sich die Borussen als Schlafmützen und ließen sich in der ersten Minute übertölpeln. Nach einem Gündogan-Fehlpass bereitete Kevin de Bruyne zum 21. Mal (Bundesligarekord) ein Tor vor, diesmal nach 41 Sekunden für Daniel Caligiuri. „Erschreckend und unerklärlich“, wusste Sebastian Kehl keinen Rat.

Nach dieser „behämmerten Anfangsminute” (Klopp) war vor allem Erik Durm gegen den Torschützen auf der rechten Abwehrseite überfordert. Mit langen Pässen oder Kontern zerlegte De Bruyne in Zusammenarbeit mit Maximilian Arnold teilweise Dortmunds Hintermannschaft in ihre Einzelteile. Der BVB-Coach sah seine Mannschaft trotzdem „91 Minuten lang gut verteidigen“ – auch in Minute 49, als Naldo im Anschluss an eine Ecke zum 2:1 traf. „Wir hatten ja zwei Leute ins Abseits gestellt – damit ist der Job eigentlich erledigt“, sah sich Klopp in einer von insgesamt drei Situationen durch den Schiedsrichter Marco Fritz benachteiligt.

Die anderen beiden spielten sich vor dem Seitenwechsel ab: Nach seinem elfmeterreifen Foul an Kevin Kampl hätte der Unparteiische dem VfL-Schlussmann Diego Benaglio statt Gelb auch Rot zeigen können. Immerhin versenkte Pierre-Emerick Aubameyang lässig zum 1:1 (11.). Und Hecking hätte sich auch nicht beschweren können, wenn Korb ein zweites Mal auf den Punkt gezeigt hätte nach Timm Kloses Foul gegen Henrikh Mkhitaryan (43.). „Viel Aufwand für nichts“, stöhnte Klopp, „aber darin haben wir ja Übung in diesem Jahr.“

Die Spielzeit wird jedoch nicht mehr mit der großen Enttäuschung enden, die sich von Platz 18 zu Rückrundenbeginn aus abgezeichnet hatte: „Vielleicht ist es ganz gut, dass wir die Dinge, die schlecht gelaufen sind, alle in eine Saison gepackt haben“, sagte Marcel Schmelzer, „jetzt haben wir aber noch zwei Endspiele.“ So auch am Pfingstwochenende zum Bundesligaausklang, wenn der Borussia ein Remis gegen Bremen genügen würde, um die kleinere Europa-League-Reise zu buchen. Zum Ende seiner sieben BVB-Jahre wird dann Jürgen Klopp letztmals auf der heimischen Bank Platz nehmen. In einem fremden Stadion wie am Samstag „empfinde ich keinen Abschied“, sagte er vor seinem persönlichen Endspiel in Dortmund, „das wird nächste Woche aber sicher der Fall sein.“