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Mindestlohn bedroht Amateurklubs

23.01.2015 | 00:11 Uhr

Essen. Ulrich Wloch hat große Sorgen. Seine Gedanken kreisen ums knappe Geld. „Wir können unsere Vertragsabschlüsse in dieser Form nicht aufrecht erhalten, sonst würde es für uns unbezahlbar“, klagt der Vorsitzende des SV Zweckel. Der neue Mindestlohn stellt nicht nur den Gladbecker Fußball-Oberligisten vor Probleme. Viele Klubs berufen derzeit Vorstandssitzungen ein, holen Berater und Juristen ins Haus, um Lösungen zu finden. Sie suchen einen Weg, wie ihre Angestellten die vorgeschriebenen 8,50 Euro pro Stunde erhalten, ohne dass der Verein dabei finanziell zugrunde geht − oder aber verklagt wird.

Dass beides möglich ist, weiß Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV): „Der Zoll führt Prüfungen durch“, warnt er, „und kann Strafen von bis zu 500 000 Euro aussprechen.“ Wer den Mindestlohn, der gesamtgesellschaftlich zu mehr Gerechtigkeit führen soll, nicht beachtet, muss also mit weitreichenden Konsequenzen rechnen.

Spielergewerkschaft ist dafür

Die Spielergewerkschaft begrüßt das am 1. Januar eingeführte Gesetz: „Für die Spieler ist es im Grundsatz gut“, sagt Baranowsky, „weil es fair ist.“ Zugleich räumt er aber ein: „Für Klubs, deren finanzielles Konzept auf Kante genäht ist, kann es schwierig werden.“

Vereinsvertretern erscheint das Gesetz als hohe, wenn nicht gar unüberwindbare Hürde. Sie fühlen sich von den Neuregelungen überrumpelt, vom Gesetzgeber im Stich gelassen. „Der rechtliche Rahmen ist sehr wackelig“, sagt Wolfgang Graf, Fußball-Abteilungsleiter beim Oberligisten VfB Homberg. Harald Plank, Manager des – wohlgemerkt gut betuchten – Ligakonkurrenten TV Jahn Hiesfeld, sieht das ähnlich. Seine Meinung: Die Gesetzgeber hätten „ein Luftloch geschossen, weil der Bereich Amateursport beim Mindestlohn schlichtweg vergessen wurde“.

Es gibt immerhin eine Ausnahme: Das Ehrenamt fällt nicht unter die Mindestlohnregelung. Wenn die ehrenamtliche Tätigkeit und nicht die finanzielle Gegenleistung im Vordergrund steht, sind Zahlungen vom Gesetz befreit. So gilt es auch für Amateure nicht, weil sie allenfalls einen Aufwendungsersatz erhalten, der maximal 249,99 Euro betragen darf.

Wer jedoch einen Amateurvertrag abschließt, muss dafür mindestens 250 Euro monatlich bekommen. VDV-Geschäftsführer Baranowsky unterstreicht: „Vertragsspieler über 18 Jahre haben einen Anspruch auf einen Lohn von 8,50 Euro pro Stunde.“

Problemfall Vertragsamateure

Was umgerechnet bedeutet: Vertragsspieler, die 250 Euro kassieren, dürften nur 29 Stunden pro Monat für ihren Verein arbeiten. Doch Fußballer, die bei ihrem Verein dreimal pro Woche oder häufiger trainieren, sind – die Pflichtspiele mit eingerechnet – oft deutlich mehr im Einsatz; ihr Lohn wäre nicht mit dem Gesetz vereinbar.

Besonders kniffelig wird es aber erst bei der Frage, was für Spieler als Arbeitszeit gilt. Die Klubs müssten gesetzlich genaue Aufzeichnungen darüber führen, wie lange ihre Spieler im Einsatz sind, sagt Baranowsky. Bei diesen Nachweisen gelte es aber nicht nur die reinen Trainings- und Einsatzzeiten, sondern auch Mannschaftsbesprechungen oder Auswärtsfahrten zu berücksichtigen. Das Problem: Der Bund hat bislang keine klare Antwort darauf gegeben. Die Vereinsverantwortlichen geraten ins Grübeln. „Das ist alles schwierig zu bezahlen“, sagt Fabian Decker, Manager der Regionalliga- und U-23-Mannschaft des FC Kray: „Wir müssen alles prüfen, unsere Spieler trainieren bereits sechs Stunden pro Woche.“ Auch sie, so Decker, „wollen ihren Vertragsamateurstatus aufrecht erhalten“.

Fußballer vor Gericht?

Rainer Koch, Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), erwartet „in der nächsten Zeit juristische Streitigkeiten im Zusammenhang mit dem Gesetz“. Es sei „zwangsläufig mit Präzedenzfällen zu rechnen“, sagt er. Möglicherweise ergibt erst die Rechtsprechung in Einzelfällen klare Verhältnisse.

Bis dahin darf sich Ulrich Wloch, der Vorsitzende des abstiegsbedrohten SV Zweckel, wohl noch glücklich schätzen, ein paar Euro in der Hinterhand zu haben. „Wir können froh darüber sein, dass wir in der Hinrunde so selten gewonnen haben, sonst hätten wir ja noch die ganzen Siegprämien für unsere Spieler zahlen müssen. Vielleicht kommen wir mit einem blauen Auge davon.“

Nils Balke

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Mindestlohn bedroht Amateurklubs
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2015-01-23 00:11
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