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Mayer und Kohlschreiber beeindrucken trotz Viertelfinal-Niederlagen

04.07.2012 | 22:20 Uhr
Mayer und Kohlschreiber beeindrucken trotz Viertelfinal-Niederlagen
Bot trotz Niederlage eine gute Leistung: Philipp Kohlschreiber.Foto: Kirsty Wiggleswoth/AP

London.  Florian Mayer verblüffte im völlig ausgeglichenen ersten Satz mit druckvollem Spiel, unterlag Titelverteidiger Novak Djokovic aber letztlich 4:6, 1:6, 4:6. Landsmann Philipp Kohlschreiber präsentierte bei der Niederlage gegen Jo-Wilfried Tsonga (6:7, 6:4, 6:7, 2:6) mehr als nur einen guten Satz.

Vorübergehend kehrte die Sonne zurück, in der ersten Reihe der royalen Loge saß das Glamourpaar des Königshauses, nur vom Vorsitzenden des All England Clubs vom Traumpaar des Tennis getrennt, und von all dem inspiriert schwebte Roger Federer zum Sieg gegen Michail Juschni. William und Kate freuten sich, desgleichen Andre Agassi und Steffi Graf, die vom Prinzen formvollendet mit Küsschen begrüßt wurde – und letztlich freute sich auch der Vorsitzende, Phil Brooks, der sich so viel positiver Energie beim besten Willen nicht entziehen konnte.

Federer wirkte so überlegen beim 6:1, 6:2, 6:2, dass sich der ratlose Juschni zu Beginn des dritten Satzes an die berühmten Gäste in der königlichen Loge wandte und rief: „Können Sie mir sagen, was ich machen soll?“ Dann drehte er sich um – und servierte einen Doppelfehler. Roger Federer dagegen war bester Dinge. Die Rückenschmerzen, unter denen er in der Runde zuvor gelitten hatte, waren verschwunden, zum ersten Mal seit 2009 landete er wieder im Halbfinale der Championships. Dort allerdings trifft er nun am Freitag – wie erwartet – auf den härtesten aller denkbaren Gegner: Titelverteidiger Novak Djokovic.

Kommentar
Deutsche Erfolge gehen am Massenpublikum vorbei
Deutsche Erfolge gehen am Massenpublikum vorbei

So wahnsinnig viele Menschen haben am Dienstag nicht gesehen, was sich im All England Lawn Tennis and Croquet Club in London SW 19 getan hat. Vier Deutsche im Viertelfinale des größten und bedeutendsten Tennis-Turniers der Welt. Diese Bilanz ist spektakulär, einmalig gar im deutschen Tennis, der goldenen Ära rund um die Nationalheiligtümer Boris Becker und Steffi Graf zum Trotz. Steht etwa ein neuer Tennis-Boom vor der Tür?

Gemach. Die Erfolge der deutschen Herren sind flüchtig, Mayer und Kohlschreiber zwar hervorragende Spieler, aber eben auch farblos. Sportlich ist die Hackordnung im Welt-Tennis mit Djokovic, Nadal und Federer betoniert – und emotional taugen beide Deutschen nicht für das Heldenfach, sind keine Charaktere, denen sich das Publikum dauerhaft annimmt.

Und die Damen? Lisicki, Kerber sowie die derzeit verletzte Andrea Petkovic sind sportlich in der Lage, im Tennis-Zirkus der Frauen, denen es an Attraktionen mangelt, eine gewichtige Rolle zu spielen; selbst eine Deutsche als Nummer 1 der Welt ist keine blanke Phantasterei. Für einen Boom, für eine entfesselte Fan-Nation aber wird das nicht reichen – denn ein Sport, der sich im Bezahl-TV versendet, geht am Massenpublikum vorbei. Und das Fernsehen macht Helden: siehe Biathlon, Boxen oder Formel 1. Ohne die große TV-Bühne aber bleiben die spektakulären Erfolge da, wo sie sportlich längst nicht mehr hingehören – in der Nische.

Der Weltranglistenerste aus Serbien hatte beim Sieg gegen Florian Mayer (6:4, 6:1, 6:4) allerdings eine Weile lang mächtig zu tun. Der Bayreuther verblüffte die Leute im völlig ausgeglichenen ersten Satz mit variantenreichem, druckvollem Spiel, und auch Djokovic machte manchmal den Eindruck, als staune er. Doch eine falsche Entscheidung Mayers beim ersten von drei Breakbällen beim Stand von 4:4 kostete ihn die Chance auf den Gewinn dieses Satzes.

Djokovic wie der souveräne Chef

„Den hätte ich mir holen müssen“, meinte er hinterher, „aber ich hab ihn zurückkommen lassen. Ich hab einen Moment lang zu viel nachgedacht, und schon war die Chance dahin. Und wenn du solche Chancen nicht nutzt, dann kannst du die Nummer eins nicht schlagen.“ Damit fasste er das Spielgeschehen in wenigen Sätzen korrekt und umfassend zusammen. Er hätte auch sagen können: Man reize den Löwen nicht, denn danach bewegte sich Djokovic wie der souveräne Chef auf dem grünen Terrain.

Mayer verabschiedete sich mit Bedauern, aber auch mit der aufgefrischten Erkenntnis, die Großen des Tennis dann herausfordern zu können, wenn er aggressiv und entschlossen spielt. Nach dem zweiten Auftritt seiner Karriere im Viertelfinale von Wimbledon hätte er vermutlich nichts dagegen, wenn bis zum nächsten in Wimbledon oder anderswo nicht wieder acht Jahre vergehen würden.

Landsmann Philipp Kohlschreiber präsentierte bei der Niederlage gegen Jo-Wilfried Tsonga (6:7, 6:4, 6:7, 2:6) mehr als nur einen guten Satz. Den ersten verlor er, weil der Franzose den besseren Tiebreak spielte, im zweiten gab er zwar zum ersten Mal nach mehr als einer Woche ein Aufschlagspiel ab, wirkte aber auch danach extrem entschlossen und konzentriert.

Olympia-Nominierung als kleiner Trost

Mitte des dritten schien sich die Entscheidung anzubahnen, doch Kohlschreiber wehrte sehenswert fünf Breakbälle ab, und man hatte das Gefühl, Tsonga lasse angesichts der verpassten Gelegenheiten die Flügel hängen. Doch er war wieder im Tiebreak der bessere Mann, und danach gab es für Kohlschreiber nicht mehr viel zu erben. Drei starke Sätze gegen den Sechsten der Weltrangliste waren am Ende nicht genug. „Bei den paar Punkten, die wichtig waren, hat er besser gespielt“, gestand Kohlschreiber anschließend. „Aber es war trotz der Niederlage für mich ein extrem schönes Turnier.“

Im Halbfinale trifft Tsonga nun auf den Briten Andy Murray; der den Spanier David Ferrer mit 6:7, 7:6, 6:4 und 7:6 bezwang.

Immerhin gab es für Kohlschreiber an diesem Tag auch eine positive Nachricht: Sein Name steht  auf der Liste der nominierten Tennisspieler für Olympia – neben denen der Kolleginnen Kerber, Lisicki, Petkovic und Görges und denen der Doppelspieler Petzschner/Kas.

Doris Henkel



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