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Interview

„Mario, rasieren sie sich!"“

02.07.2010 | 00:01 Uhr
„Mario, rasieren sie sich!"“
So jubelte Mario Kempes nach seinem Tor zum 2:1 gegen die Niederlande im WM-Finale 1978.

Kapstadt. Argentiniens WM-Held Mario Kempes spricht im Interview über die deutsche Mannschaft, Diego Maradona und Bärte, die beim Toreschießen stören.

Mit sechs Toren war Mario Kempes (55) beim WM-Titelgewinn der Argentinier 1978 Torschützenkönig. Seit dem Ende seines Engagements als Nationaltrainer Panamas lebt er in den USA und arbeitet während der WM als Fernseh-Experte.

Deutschland hat mit schnellem Kombinationsfußball begeistert. Haben Sie einen neuen Stil bei der Löw-Elf ausgemacht?

Mario Kempes: Der Spielstil richtet sich immer nach den Spielern, die einem Trainer zur Verfügung stehen. Derzeit verfügt Deutschland über viele hochbegabte Spieler. Özil, Müller und Schweinsteiger, um nur einige Namen zu nennen. Das spiegelt sich auf dem Platz deutlich wider.

Muss Argentinien bangen?

Kempes: Bisher ist Argentinien in der Defensive kaum gefordert worden. Dennoch waren immer wieder einige Schwächen sichtbar. Gegen Deutschland müssen sie hinten sehr stabil stehen. Denn aus ihrer Kompaktheit stoßen die Deutschen gefährlich nach vorne.

WM-Finale 1978: Mario Kempes wird vom Niederländer Willi van de Kerkhof verfolgt.

Vor der WM wurden Maradonas Fähigkeiten als Trainer in Frage gestellt. Mit vier Siegen hat er seine Kritiker verstummen lassen. Liegt seine größte Leistung darin, den richtigen Platz für Messi gefunden zu haben?

Kempes: Messi hat keine Position. Er ist auf dem ganzen Platz zu finden. Wie einst Maradona selbst. Mich begeistert das, weil er dadurch an fast jedem Spielzug beteiligt ist.

Auf einen eigenen Treffer wartet er immer noch.

Kempes: Trotzdem schmälert das in keinster Weise seine Leistung. Zumal er immer nahe dran ist, seine Durststrecke zu beenden. Er ist ein sehr aktiver Teil der Mannschaft und hat die Zügel fest in der Hand. Das erlaubt Spielern wie Higuain oder Tevez als Torschützen zu glänzen. Bisher spielt Messi eine hervorragende WM.

Sie mussten 1978 auch lange auf Ihren ersten Treffer warten, am Ende wurden Sie Torschützenkönig. Was würden Sie Messi raten?

Kempes: Es fehlt bislang einfach nur eine Portion Glück. Zudem war er an fünf von zehn Treffern beteiligt. Ich wünschte, ich wäre damals vor meinem ersten Tor so nahe dran gewesen. Luque war in Form, Bertoni auch – und ich irgendwo in der Pampa. Unser Trainer Menotti foppte mich daraufhin: Mario, rasieren Sie sich!

Was Sie auch taten?

Kempes: Genau. Und ab dann lief es. Häufig sind es Kleinigkeiten und plötzlich macht es klick.

Klick gemacht hat es bei Gonzalo Higuain. Mit vier Treffern wandelt er auf Ihren Spuren.

Kempes: Ich würde mich sehr freuen, wenn Higuain mich übertrifft. Denn das würde bedeuteten, dass Argentinien Weltmeister wird.

Mario Kempes mit Diego Maradona bei der WM 1982.

Wie beurteilen Sie das bisherige Niveau bei dieser WM?

Kempes: Ich möchte nicht ungerecht sein, aber Spieler von damals werden immer sagen, dass beispielsweise 1978 schönerer Fußball gespielt wurde. Das ist schwer zu vergleichen. Zumal früher weniger Mannschaften dabei waren.

Heute sind es zu viele?

Kempes: Ja, aber erwarten Sie bitte nicht, dass ich Namen nennen. Nur so viel: Es waren einige Teams dabei, die sich nur hinten reingestellt haben.

Ihre erste WM spielten Sie 1974 in Deutschland. Welche Erinnerungen knüpfen Sie daran?

Kempes: Keine sehr guten. Wahrscheinlich habe ich deswegen alles aus meinem Gedächtnis verdrängt (lacht). In der zweiten Gruppenphase war Endstation. Gegen die damalige DDR haben wir glaube ich 1:1 unentschieden gespielt, gegen Brasilien und Holland jeweils verloren. Aber die Enttäuschung war uns eine Lehre. Wir gingen gestärkt daraus hervor und holten vier Jahre später den Titel.

Dieses Turnier stand unter dem Eindruck der Militärdiktatur in Ihrer Heimat. Spüren Sie, dass der Titelgewinn dadurch nicht genügend gewürdigt wurde?

Kempes: Nein, wir haben schon große Wertschätzung erhalten. Aber das, was Maradona 1986 in Mexiko vollbrachte, stellte alles andere in den Schatten. Ich gönne es ihm jedoch von Herzen. Mit Maradona verstehe ich mich ausgezeichnet.

Wie oft wurden Sie bisher gefragt, ob die Partie gegen Peru damals manipuliert worden war? Sie brauchten einen hohen Sieg, um ins Finale einzuziehen. Am Ende hieß es 6:0.

Kempes: Tausendfach. Die Antwort ist immer gleich. Vor unserem ersten Tor hatte Peru drei Mal die Latte getroffen. War das etwa auch geplant? Peru wurde 1982 ebenfalls im letzten Spiel deklassiert. Polen gewann 5:0. Warum sollten wir dann nicht in der Lage gewesen sein, sechs Tore zu erzielen, als wir es mussten?

Welches Weltmeisterteam war das bessere? Argentinien 1978 oder 1986?

Kempes: Beide waren gut. Ohne den ersten Triumph wäre der zweite nicht möglich gewesen.

Wer war der Beste: Maradona oder Pelé?

Kempes: Der Held meiner Kindheit war Pelé. Aber auch Maradona war herausragend.

Abschließende Frage: Wer zieht ins Halbfinale ein?

Kempes: Maradona ist Trainer einer der besten Mannschaften, die Argentinien je hatte. Nach Anlaufschwierigkeiten hat er seinen Stil gefunden. Ich bin sehr optimistisch, dass Argentinien gewinnt und bis zum Schluss um den WM-Titel kämpfen wird.

Kai Behrmann

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