„Marco war der einzige, der nicht sauer war“

Paderborn..  Andre Breitenreiter stört diese Szenerie, die er mit gebührendem Abstand beobachtet. Zwei Fernsehkameras richten ihren Fokus auf einen seiner Spieler und um den jungen Mann im schwarz-blauen Trikot des SC Paderborn herum drängeln sich deutlich mehr Reporter, als es auf dem sonst beschaulichen Trainingsplatz inmitten der ostwestfälischen Großstadt üblich ist. Marvin Bakalorz steht am Pranger – so sieht es Breitenreiter, der Trainer des Fußball-Bundesligisten.

„Warum sollten wir darüber reden?“, fragt er wenig später rhetorisch. „Es war ein harter Zweikampf, keine Absicht. Das passiert im Fußball“, sagt der 41-Jährige. Das – damit meint der Trainer diese Szene aus dem Heimspiel des SCP gegen Borussia Dortmund in der Hinrunde. Diese Szene, die vielen Menschen zu Breitenreiters Leidwesen präsenter ist als die Aufholjagd, mit welcher der Aufsteiger gegen den großen BVB aus einem 0:2-Rückstand noch ein 2:2 machte.

Auf Höhe der Mittellinie grätschte Marvin Bakalorz gegen seinen ehemaligen Zimmerkollegen aus gemeinsamen Zeiten in Dortmund, Marco Reus. Bakalorz rutschte mit dem Fuß unglücklich über den Ball und traf den erst kurz zuvor von einer langen Verletzung genesenen Reus am Knöchel. Der BVB-Star fiel erneut aus – und Bakalorz musste bereits während des Spiels, besonders aber nach der Partie teilweise üble Beschimpfungen über sich ergehen lassen. Er sei ein Treter, ein unverbesserlicher – so der Tenor.

„Das waren die schwersten Wochen meines Lebens“, sagt er heute. Besonders die Beschimpfungen über die Online-Kanäle seien heftig gewesen. Die harte Kritik des oft impulsiven BVB-Trainers Jürgen Klopp direkt im Anschluss an das Foul? „Dazu habe ich mir nur meinen Teil gedacht. Ich kenne ihn ja schon lange“, sagt der 25-Jährige. Mit Reus habe er gesimst und gesprochen. „Marco war, glaube ich, der einzige in Dortmund, der nicht sauer war. Das hat mich gefreut und damit war die Sache erledigt.“

Am Samstagnachmittag treffen sich beide Mannschaften zum Rückspiel in Dortmund – und plötzlich kocht in der Öffentlichkeit diese Geschichte doch wieder hoch. Sie werde aufgebauscht, so sieht Andre Breitenreiter dies. Wie damals nimmt er seinen Mittelfeldmann unverzüglich in Schutz. „Marvin hat in dieser Saison bislang zwei gelbe Karten bekommen. Er ist absolut kein Treter“, sagt der Trainer.

Vielmehr sei er einer der Garanten des lang ersehnten Sieges im vergangenen Heimspiel gegen den FC Augsburg gewesen. Daran wollen sie in Dortmund anknüpfen, die Ostwestfalen. „Wir haben in Wolfsburg und Leverkusen gezeigt, dass wir auch bei solchen Vereinen punkten können“, sagt Breitenreiter. „Ich erzähle aber nichts Neues, dass, wenn alles normal läuft, die Wahrscheinlichkeit einer Niederlage größer ist.“

Für Marvin Bakalorz und etliche Mannschaftskollegen, die ebenfalls eine BVB-Vergangenheit in ihrer Vita aufweisen, wird die Partie vor 80 000 Zuschauern so oder so eine sehr emotionale. „Ich habe mit den Amateuren nur im leeren Signal-Iduna-Park spielen dürfen“, sagt Bakalorz. „Deshalb freue ich mich riesig auf das Spiel vor diesen geilen Fans. Ich werde jeden Moment genießen.“

Die Ereignisse rund um das Hinspiel? Geschichte.