„Man lebt im eigenen Mikrokosmos“

Baku..  Vor der Kulisse aus Kaspischem Meer und den prägnanten drei Flammentürmen hat Lenka Dürr in den vergangenen beiden Jahren ihre sportliche Heimat in Baku gefunden. Vor dem Auftakt der deutschen Volleyballerinnen bei den Europaspielen in Aserbaidschans Hauptstadt am Samstag (11.30 Uhr/Sport1) gegen Bulgarien ist der Libero ein gefragter Gesprächspartner. Auch was brisante Themen wie Menschenrechte betrifft.

„Es erschüttert einen, wenn man so etwas hört. Man wünscht es sich anders“, sagte Dürr über Berichte zu Verstößen gegen die Pressefreiheit. Allerdings lebe man als Sportprofi im „eigenen Mikrokosmos“ und bekomme „nicht wirklich“ etwas mit. „Zumal, wenn man die Sprache nicht spricht.“

2013 verließ Dürr die Roten Raben Vilsbiburg und wechselte zu Igtisadchi Baku, ehe sie die vergangene Saison bei Lokalrivale Azeryol verbrachte. „Baku hat die finanziellen Mittel und auch die entsprechenden Regelungen, viele Ausländer ins Land zu holen. Das macht es für alle internationalen Volleyballspielerinnen sehr interessant“, erläuterte die 24-Jährige auf der Internetseite des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV).

Aber nicht nur Dürr, die ihre Vereinszukunft noch offen lässt, erlag dem Reiz des Neuen. Dank der großen Erdöl- und Erdgasreserven boomt der Sport im muslimisch geprägten Aserbaidschan. Auch aktuelle Nationalmannschaftskolleginnen wie Lisa Thomsen und Margareta Kozuch oder frühere wie Angelina Hübner und Corina Suschke-Voigt sammelten dort Erfahrungen. „Natürlich spielte der finanzielle Faktor eine große Rolle“, begründete Kozuch 2013 ihren Wechsel dorthin.

Gelegentliches Heimweh

Trotz gelegentlichen Heimwehs gewöhnte sich Dürr rasch an ihr neues Zuhause. „Das Leben in Baku ist eigentlich ganz gut. Es ist etwas teurer als Zuhause in Deutschland und für mich auch lauter“, erzählte sie. „Man kann gut essen gehen, und das Stadtzentrum ist sehr schön für Spaziergänge. Eigentlich wird von allem etwas geboten. Ansonsten ist der Verkehr recht wild und scheint wenig geregelt.“

Organisation ist dagegen Nationaltrainer Luciano Pedullà wichtig. Nach den ersten Erfahrungen mit seinen Volleyballerinnen in Montreux will der Nachfolger von Giovanni Guidetti die Mannschaft weiter formen. Baku wird ein weiterer Stimmungstest. „Es wird sicher eine tolle Atmosphäre herrschen und es ist immer schön, auch andere Sportarten zu sehen“, beschrieb der Italiener das erhoffte olympische Flair in der 2,06 Millionen Einwohner großen Stadt, wo fast 6000 Athleten aus 50 Ländern an den Start gehen.

„Ob es für uns ein hochklassiges Turnier wird, bleibt abzuwarten“, sagte Pedullà vorsichtig, „weil wir noch nicht wissen, ob unsere Gegner mit der vollen Mannschaft anreisen.“ Für den Italiener steht nach Platz fünf in Montreux allerdings fest: „Unser erstes Ziel ist das Erreichen des Viertelfinals.“

Vor dem Start ins Turnier ist Aserbaidschan-Kennerin Dürr aber nicht nur bei Medien gefragt.

„Wir werden uns noch ein paar Insidertipps von ihr holen“, sagte Jochen Schöps aus der Männer-Mannschaft.