Der RFC-Franzose und das Rugby-„Ei“

Als Gedrängehalb bildet Seelweger (li.) die wichtige Verbindung zwischen Vorder- und Hintermannschaft und ist im Zentrum des Spielgeschehens. Er ist allerdings auch auf anderen Positionen flexibel einsetzbar.
Als Gedrängehalb bildet Seelweger (li.) die wichtige Verbindung zwischen Vorder- und Hintermannschaft und ist im Zentrum des Spielgeschehens. Er ist allerdings auch auf anderen Positionen flexibel einsetzbar.
Foto: Thomas Nitsche
Was wir bereits wissen
Vivien Seelweger kennt Europa fast wie seine Westentasche. Bei den Blauhemden hat er nun sein Glück gefunden - zumindest vorerst, denn der 19-Jährige hat Ambitionen.

Witten..  Beim Bochum/Witten RFC läuft’s derzeit richtig rund. Die Playoff-Teilnahme ist dem Regionalligisten nicht mehr zu nehmen, auch dank Vivien Seelweger, der zu den absoluten Leistungsträgern bei den Blauhemden zählt. Kein Wunder, bei soviel Erfahrung und Talent. Der 19-Jährige hat bisher schon so einiges erlebt.

Frankreich, Holland, Norwegen, Deutschland - der Lebenslauf des jungen Rugbycracks, der mit seinem Bart und den breiten Schultern weniger wie ein aufstrebendes Talent als ein jetzt schon austrainiertes Kraftpaket wirkt, liest sich wie eine Europa-Tour. In Chartres, dem südlich von Paris gelegenen Standort der weltberühmten Kathedrale Notre-Dame geboren, verschlug es Seelweger schon bald in die Niederlande. „Meine Mutter und mein Stiefvater sind Geologen, die zurzeit an der Ruhr-Universität Bochum lehren, aber damals viel unterwegs waren“, erklärt er. Im Land der Tulpen entdeckte er im Grundschulalter seine Liebe zum Rugby, dem Sport der harten Kerle. „Ich bin da dem Beispiel meines Stiefvaters gefolgt, der selbst passionierter Rugbyspieler war“, sagt der gebürtige Franzose.

2005 ging’s mit der Familie dann weiter nach Trondheim. „Norwegen hat mir bis jetzt vielleicht am besten gefallen. Die Winter sind zwar kalt und dunkel, die Sommertage dafür aber umso schöner und länger“, schwärmt Vivien Seelweger. Vor allem die Sprache, die er perfekt beherrscht, hat’s ihm angetan. „Holländisch hab ich leider vergessen, aber Norwegisch ist lustig und etwas Besonderes“, flachst er. Ein- bis zweimal im Jahr besucht er im hohen Norden noch seine Freunde, mit denen er in seiner Freizeit oft Basketball spielte. „Rugby ist dort leider fast nicht bekannt. Wenn, dann habe ich ab und an mal mit Studenten gezockt“, sagt er. Erst in Deutschland startete der Weltenbummler in Sachen Rugby wieder durch - dafür allerdings umso schneller.

Zunächst ließen sich die Seelwegers in Bochum, alsbald aber schon in der Ruhrstadt nieder. Fast schon im Eilverfahren lernte er die Deutsche Sprache und machte sein Fachabi am Alice-Salomon-Berufskolleg. „Genau an meinem 16. Geburtstag kamen wir hier an“, erklärt er mit leichtem französischen Akzent, aber dennoch völlig fehlerfrei. Kein Wunder, bei so einem sprachlichen Begabung. Neben seiner Muttersprache, Norwegisch und Deutsch ist Seelweger auch noch des Englischen mächtig.

Richtig fix ging’s für den angehenden Kfz-Mechatroniker, der nach seiner Ausbildung entweder seinen Meistertitel erwerben oder an der Fachhochschule Automobiltechnik studieren möchte, auch sportlich voran. Beim BWRFC fühlte er sich auf Anhieb wohl und entwickelte sich schnell zu einem Leistungsträger, der in seiner nun dritten Saison in bisher sechs Einsätzen auf einen Versuch, vier Erhöhungen und zehn Straftritte kam. „Die beste Leistung in dieser Spielzeit waren sicherlich meine 21 Punkte gegen Wiedenbrück“, sagt er. „Das war ein sehr guter Tag für mich.“ Nicht von ungefähr war Seelweger bis vor kurzem noch für die U18-NRW-Auswahl im 7er-Rugby am Ball und wird Anfang Mai ein Sichtungstraining für die Deutsche Nationalmannschaft im 13er-Rugby in Karlsruhe absolvieren. „Da freue ich mich schon richtig drauf“, sagt der 19-Jährige voller Vorfreude.

Das sportliche Highlight in seiner Karriere erlebte das junge Talent allerdings bei einem Sichtungstraining der U18 vom RC Toulon, dem viermaligen französischen Meister und Club seines Idols Jonny Wilkinson. „Ich wurde leider nicht genommen, aber die Erfahrung ist unbezahlbar“, schwärmt Seelweger mit leuchtenden Augen. „Ich werde es auf jeden Fall noch einmal probieren, dann vielleicht bei der U20 oder U22“, sagt er, dass die Bewerbung fürs Probetraining fast schon abgeschickt sei.

Überhaupt hat der Allrounder, der auf vielen verschiedenen Positionen eingesetzt werden kann, noch einiges vor. „Am liebsten würde ich mit Rugby ein wenig Geld verdienen“, weiß er, dass das ein durchaus ambitioniertes Ziel ist. „Sollte das nicht klappen, habe ich mit meiner Ausbildung ja immer noch einen Plan B in der Tasche.“