Eine neue Welt für Frederike Koleiski

„Ich bin kein Freund von Selfies.“ Aber ein paar Erinnerungsfotos hat Frederike Koleiski doch mitgebracht.
„Ich bin kein Freund von Selfies.“ Aber ein paar Erinnerungsfotos hat Frederike Koleiski doch mitgebracht.
Foto: privat
Was wir bereits wissen
  • Weseler Paralympics-Starterin Frederike Koleiski erhält Sportpreis des Monats
  • Die 29-Jährige berichtet allerdings nicht nur positive Dinge aus Rio
  • Diebstahl, Schüsse, Armut und abgestelltes Duschwasser gehören dazu

Wesel..  Großer Bahnhof für Frederike Koleiski. Wesels erste Starterin bei den Paralympischen Spielen wurde im Ratssaal von Bürgermeisterin Ulrike Westkamp mit dem Sportpreis des Monats ausgezeichnet und durfte sich zudem ins Goldene Buch der Stadt eintragen. Die Auszeichnung wird gesponsert von der Volksbank Rhein-Lippe und Ropa Sport, unterstützt von der Stadt sowie dem Stadtsportverband, präsentiert von der Neuen Rhein Zeitung und ist mit einem Warengutschein in Höhe von 500 Euro verbunden.

Wer von der 29-Jährigen über ihre Zeit in Rio de Janeiro allerdings eine Geschichte über Harmonie, Top-Leistungen und die tollen Begleiterscheinungen bei den Paralympischen Spielen hören wollte, wurde schnell eines Besseren belehrt. „Ich habe immer davon geträumt, bei einem Leichtathletik-Wettkampf im Stadion das Olympische Feuer zu sehen und werde auch hart trainieren, um in vier Jahren wieder dabei zu sein – aber teilweise war es wirklich chaotisch und furchtbar dort.“

Das meint die Weselerin wortwörtlich. Los ging es mit dem Diebstahl ihrer Jacke, auch anderen Sportlern wurde Hab und Gut entwendet. „Die Begleitperson vom BKA meinte, wir sollten dann auch die Lebensmittel in den Zimmern mit den geöffneten Türen direkt wegschmeißen, bevor es bei der Dopingprobe böse Überraschungen geben würde.“

Wettkampf ohne Aufwärmen

Eine richtig böse Überraschung, nämlich das Verpassen des Wettkampfes, drohte der Leichtathletin am Tag der Entscheidung im Diskuswurf. „Der Bus war zu spät und ich hatte wirklich Glück, überhaupt noch in den Call Room zu dürfen. Allerdings ging es dann für mich auch ohne Aufwärmen in den Wettkampf. Richtig warm war ich eigentlich erst nach dem letzten Versuch und dementsprechend war auch meine Laune.“

Mit 30,34 Metern belegte sie mit dem Diskus in Rio Rang vier. „Damit war ich überhaupt nicht zufrieden, kann jetzt aber verstehen, warum manche Sportler dort auch nicht ihr normales Leistungsniveau abrufen konnten.“ Lediglich an der Stimmung im Stadion habe es garantiert nicht gelegen. „Die war überragend. Die Leute sind bei der Vorstellung aufgestanden und haben sehr viel La Ola gemacht. Das war schon gigantisch!“

Ihre bevorzugte Disziplin Kugelstoßen, in der sie es vor ihrer Nervenerkrankung (Polyneuropathie) inklusive Lähmung des rechten Fußes einst in den Bundeskader der „normalen“ Athleten geschafft hatte, war in Südamerika nicht im Programm. „Warum das so war, konnte einem auch niemand so wirklich erklären. Teilnehmer hätte es dafür genug gegeben“, so Frederike Koleiski, die sich nach einer dreiwöchigen Pause nun wieder im Training befindet und so langsam die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in London ins Visier nimmt. Dort ist dann auch die Kugel wieder im Programm, mit der sie 2015 bei der WM in Doha Bronze gewann.

Wieder weniger erfreulich ging es nach dem Wettkampf weiter in den drei Wochen. „Nachts hat man in der Favela hinter dem Olympischen Dorf auch schon mal Schüsse gehört. Das ist live etwas ganz anderes als im Fernsehen“, so die Psychologie-Studentin und Leichtathletik-Nachwuchs-Trainerin bei Eintracht Duisburg. „Und wir sind mit dem Bus mit Polizei-Eskorten durch Gegenden gefahren, in denen die Kinder zwischen Exkrementen gespielt haben. Diese Armut dort hat mich schon mitgenommen.“

Trauriger Teamgeist

Auch das Olympische Dorf selbst, in dem die Athleten aus Sicherheitsgründen bleiben sollten, war nicht der erhofft harmonische Rückzugsort. „Das Verhalten einiger Deutscher Sportler dort, die einen nicht einmal gegrüßt haben, fand ich schon traurig und hatte ich innerhalb einer Mannschaft nicht erwartet“, so Koleiski, die aber auch anderen Teamgeist erfahren durfte. „Die Kanadier waren beispielsweise wirklich sehr sympathisch.“

Unter dem Strich passte es für die Weselerin ins Bild, dass in den letzten beiden Tagen in Rio auch noch das Duschwasser abgestellte wurde. „Wenn man sich die Probleme eines solchen Landes anguckt, muss man sich schon fragen, wie sinnvoll es ist, dort Olympische Spiele und Paralympics auszutragen.“

Das Rio 2016-Motto lautete „Um Mundo Novo“ - eine neue Welt. Das war es für Frederike Koleiski im wahrsten Sinne des Wortes.