Ein großer Fisch im kleinen Minigolf-Teich

Wie an einer Schnur gezogen verschwindet der Ball gleich im Loch: Christian Zielaff ist eines der größten deutschen Talente im Minigolf.
Wie an einer Schnur gezogen verschwindet der Ball gleich im Loch: Christian Zielaff ist eines der größten deutschen Talente im Minigolf.
Foto: NRZ
Weltmeister, Bundesliga-Spieler: Dabei hat erst die Investiotion von 40 Euro das sportliche Leben von Christian Zielaff auf Erfolgskurs gebracht.

Wesel..  Christian Zielaff war ein Verlierer, bis 40 Euro sein Leben veränderten. Mit Kreide hatte jemand auf die Tafel auf der Minigolfanlage das Angebot gekritzelt: ein Schläger, drei Bälle. Der Zwölfjährige griff zu und ahnte damals wohl noch nicht, welche Folgen sein Kauf haben würde. Erst einmal sollten die ungezählten Niederlagen gegen seinen Vater aufhören, nach denen der Sohn oft wütend nach Hause stampfte.

Von diesem Ziel angetrieben, verbrachte er seine Sommerferien auf den Bahnen im Bulmker Park. Fast jeden Morgen kaufte er sich eine Tageskarte, und erst wenn abends die Bälle in der Dunkelheit verschwammen, ging er den kurzen Weg nach Hause. Als das Taschengeld verbraucht war und der Schulanfang nahte, kam der Tag der Revanche: Das heimliche Training machte Sohn Christian zum klaren Sieger im Familienduell über 18 Löcher.

Auf der Anlage im Gelsenkirchener Osten hat sich sechs Jahre später kaum etwas verändert. Auf der Terrasse schwatzen Männer und Frauen, halbvolle Bierflaschen stehen vor ihnen. Der Platzwart guckt mürrisch aus seinem Fenster. Zielaff – 1,68 Meter klein, kräftig, Bürstenschnitt – begrüßt alle herzlich. Der Erstligaspieler des 1. MSC Wesel ist hier so etwas wie eine Berühmtheit, auch wenn er nur noch selten herkommt. Aus dem Jungen, der seinen Vater besiegen wollte, ist ein Weltmeister geworden.

Der 18-Jährige steht breitbeinig, geht leicht in die Hocke und beugt sich über seinen kleinen Putter. Er lässt die Augen zwischen Ball und Loch hin und her wandern. Zielaff schwingt den Schläger nach hinten und kontrolliert wieder nach vorne, sein Oberkörper bewegt sich im gleichen Rhythmus. Der Ball rollt langsam über den verwitterten roten Beton und fällt klackend in den kleinen Metallkäfig im Loch. Zielaff lächelt über sein Ass und sagt: „Ich liebe Minigolf.“

WM bringt „Gänsehaut pur“

Ein leidenschaftliches Bekenntnis zu einer Sportart, die die meisten Deutschen als unverfängliches Freizeitvergnügen empfinden, ist an sich selten. Umso bemerkenswerter wird es in einer magnetisch aufgeladenen Gegend wie in Gelsenkirchen-Bulmke. Hier zieht der FC Schalke 04 alle an. Der denkmalgeschützte Förderturm der Zeche Consolidation, wo die Gründungsväter des Vereins kickten, lugt zwischen den Bäumen des Bulmker Parks hindurch. Die mit blauem und weißem Garn gestrickte Tasche, in der Zielaff seine Minigolfbälle wärmt, offenbart auch seine fußballerische Neigung. Mit dem Sport der Massen hat er allerdings längst abgeschlossen.

Zielaff ist lieber ein großer Fisch in einem kleinen Teich. In der deutschen Minigolfszene gilt er als eines der größten Talente. Bei den nationalen Jugend-Meisterschaften im gerade vergangenen Jahr verhinderte im Stechen nur ein Riss auf der Bahn seinen ersten Titel. Mit der Nationalmannschaft gewann er bei der Weltmeisterschaft im finnischen Lahti die Goldmedaille und spielte auch in der Strokeplay-Einzelwertung um das Podium mit. Auf dem Filz-Untergrund war der Schüler des Kuniberg Berufskollegs in Recklinghausen der Beste, auf Eternit musste er jedoch abreißen lassen und wurde letztlich Fünfter.

Ein herausragendes Jahr

„Gänsehaut pur“ habe er in diesen WM-Tagen erlebt. Zielaff erzählt aufgeregt davon, verliert sich in Details über Rotationsschläge und wippt von einem Fuß auf den anderen. Er meint alles sehr ernst.

260 Bälle besitzt der erste Weltmeister in der Geschichte des 1. MSC Wesel mittlerweile: schwere und leichte, harte und weiche, glatte und raue. Er weiß genau Bescheid, wie sie sich bei welchen Bedingungen verhalten und welche Bande wo angespielt werden muss. Die Theorie hat er in Seminaren gepaukt und sich eigene Bahnen im Kinderzimmer gebaut. „Ich habe schon immer Dinge hinterfragt“, sagt Zielaff. „Man muss den Sport leben, wenn man beim Minigolf erfolgreich sein möchte.“

Der Auszubildende zum Kaufmann für Dialogmarketing weiß, dass er mit seiner professionellen Einstellung zu einer Randsportart ein Exot ist. „Natürlich muss ich mir häufig Sprüche anhören, doch da stehe ich drüber“, sagt Zielaff. „Für mich gehört Minigolf wie das Zähneputzen zu meinem Leben.“

Er zündet sich eine Zigarette an und sagt, dass es schade sei, mit Minigolf kein Geld verdienen zu können. Ruhm verspricht ihm sein Sport ebenfalls nicht. Christian Zielaff fühlt sich trotzdem wie ein Gewinner.