Bajewski im Wechselbad der Gefühle

Das Team Deutschland vor der Unterkunft in Valle de Bravo.
Das Team Deutschland vor der Unterkunft in Valle de Bravo.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Seit Jahrzehnten geht der Belecker Drachenflieger Jörg Bajewski in die Lüfte. Doch was ihn bei der Weltmeisterschaft in Mexiko passierte, bringt er mit deutlichen Worten auf den Punkt: „Ich habe noch nie so eine Angst gehabt.“

Warstein/Valle de Bravo..  Etliche überwältigende Momente aus einer atemberaubenden Höhe, hat Jörg Bajewski in seiner nunmehr 29 Jahre langen Laufbahn als professioneller Drachenflieger oft genug erleben dürfen. Und normalerweise überwiegen die positiven Ereignisse und Eindrücke, die er an den unterschiedlichsten globalen Wettkampfstätten macht und stets mit zurück in die beschauliche Sauerlandprovinz nimmt. Herzergreifende, aber auch zugleich beängstigende Geschichten hat der 47-Jährige nach seiner jetzigen Rückkehr von der Weltmeisterschaft in Mexiko mit im Gepäck gehabt. Emotional und bewegend berichtet Jörg Bajewski nun unserer Zeitung von seinem erlebten „Abenteuer“.

„Die Gewinner der WM sind die, die nicht da waren“, erzählt Bajewski mit ernster Miene – ein ungewöhnliches Statement, sind es doch gerade diese Wettkämpfe, die den Warsteiner so faszinieren.

Den 13-tägigen Aufenthalt im fernen Mexiko bei der WM fasst der 47-Jährige allerdings unter einem einzigen Schlagwort zusammen – „gefährlich“. Bajewski meint damit zweierlei: Einerseits die eigentlichen Bedingungen am Wettkampfort, andererseits die Umstände außerhalb der WM-Stätte.

Schlechte Witterung

Gewaltig zu kämpfen hatte die 98-köpfige internationale Drachenflieger-Elite zum einen mit den widrigen Bedingungen auf dem 2600 Meter hohen Platteau. Schlechte Witterungsverhältnisse und die Lage des renommierten Drachenflug-Wettstreits zwangen die Piloten und ihre Fluggeräte an die Belastungs- und Fähigkeitsgrenze.

„Wir konnten maximal 3800 Meter hoch steigen, weil die Wolkenbasis 300 bis 400 Meter tiefer lag. Es war nur wenig Thermik gegeben, so dass man kämpfen musste, um möglichst lange in der Luft zu bleiben. Und wer zu früh runterkam, der hatte ein großes Problem mit dem landen. Die Wettkampfstätte lag am Fuße des Vulkans, folglich waren nicht genügend taugliche Landeplätze vorhanden. Es war echt kritisch, heil wieder am Boden anzukommen“, berichtet Bajewski.

Sturzflug in die Arme des Drogenkartells

17 Verletzte und zahlreiche Gerätebrüche – so die unerfreuliche Bilanz zum Ende der fünften WM- Teilnahme des Warsteiners. Unverständnis von Seiten der Akteure und massive Vorwürfe gegenüber dem Weltverband FAI machten schnell die Runde. „Es war ein Fehler, die WM dort auszutragen. Die Piloten mussten sich einem unkalkulierbaren Risiko aussetzen“, beanstandet Bajewski.

Doch auch bezogen auf die Situation außerhalb der Wettkampfstätten entpuppte sich für die Crew die Reise gen Südamerika als höchst unsicher, mitunter lebensgefährlich. Denn ihren Ruhe ausstrahlenden Flugsport mussten die Teams in einer unruhigen Region ausüben, geprägt von gesellschaftlichen Ungleichgewichten und einem wachsenden Machtbestreben krimineller Drogenkartelle.

„Ich habe noch nie so viel Angst gehabt“, offenbart Jörg Bajewski und wird die Bilder von schwer bewaffneten Soldaten und Sicherheitskräften vor Ort nicht mehr los. „Die Austragungsstätte war nahezu hermetisch abgeriegelt. 300 Spezialkräfte, mit Maschinenpistolen ausgestattet und zum Teil vermummt, eskortierten an allen Tagen die Sportler. So etwas kann man sich hier bei uns gar nicht vorstellen“, schilderte er die Ereignisse und verdeutlicht am Beispiel eines weit Abseits des Wettkampfgeländes „gestrandeten“ Drachenfliegers, welch große Gefahr auf die Athleten lauerte.

Auswärtiges Amt schätzt Lage falsch ein

„Ein Australier landete mit seinem Drachen ausgerechnet in eine von einem Drogenkartell besetzte Favela. Es dauerte nicht lange und er war von einer Gruppe bewaffneter Männer umstellt, die ihn regelrecht aus dieser Gegend herausdrängten. Fast drei Kilometer am Stück wurde er von ihnen verfolgt und beobachtet“, erzählt er.

Obwohl das Auswärtige Amt in Berlin, auf Anfrage des Deutschen Hängegleiter-Verbandes, die politische Lage in der mexikanischen Region als stabil bewertete und letztlich der sechsköpfigen Deutschen Nationalmannschaft grünes Licht für die Reise gab, so ist dies in den Augen von Jörg Bajewski eine Fehleinschätzung.

„Man hat das sicherlich unterschätzt. Die Tendenzaussagen waren nicht ganz treffend“, bekräftigt er und hat sich indes eines geschworen: „Dort fahre ich nicht ein zweites Mal hin.“

Gastfreundliche Mexikaner

Trotz dieser negativen Erfahrungen, möchte Bajewski keinesfalls die gesammelten positiven Eindrücke unter den Tisch fallen lassen. „Die Mexikaner sind sehr einfache Menschen, aber überaus freundlich und liebenswert. Ich habe eine Familie mit Kindern kennengelernt, die in einer Garage leben. Es war bedrückend zu sehen, wie sie dort wohnten. Der Vater drückte mir sogar seinen neugeborenen Sohn in die Arme. Diese Momente vergisst man nicht. Das ist die andere, tolle Seite dieser einzigartigen Sportart“, berichtet Bajewski.

Der erreichte zehnte Platz mit dem Deutschen Team ist für ihn lediglich eine unbedeutende Randnotiz. Angreifen möchte die nationale Drachenflieger-Equipe nun wieder bei der EM in Mazedonien im kommenden Jahr. Die nächste WM findet dann 2017 in Brasilien statt.

„Ich freue mich auf diese Herausforderungen. Vielleicht holen wir dann eine Medaille“, kündigt Jörg Bajewski an und freut sich auf weitere spannende „Abenteuer“ am Boden und in den Lüften ferner Territorien.

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