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Riesiges Normalmaß

07.09.2012 | 18:30 Uhr
Riesiges Normalmaß

Herten. Wenn Fernsehkommentatoren bei Übertragungen mal wieder aus einem knapp 1 Meter 90 großen und 85 Kilogramm schweren Fußballer einen „Schrank“ oder „Baum von einem Kerl“ machen, kann Michael Perplies nur müde lächeln. Wenn Fußballer mit Normalmaßen bereits „Riesen“ sind, dann ist er wohl ein Riesen-Riese. Daran würden Fußballer bei Kopfballduellen dann wohl einfach zerschellen. 125 Kilogramm verteilen sich bei ihm auf 1 Meter 92 Zentimeter Körperhöhe. Das ist groß. Das ist viel.

Für einen Kugelstoßer wie Perplies jedoch auch wieder nur Normalmaß. Der 50-Jährige Marler, der nun schon länger für die LA Spvgg. Herten startet, gehört zu den Schwerathleten unter den Leichtathleten.

„Die großen Jungs“ werden Kugel, Diskus- oder Hammerwerfer gerne genannt. Das impliziert auch immer eine gewisse Langsamkeit. Das aber ist ein Irrglaube. Um weite Weiten zu schaffen, müssen die Werfer besonders schnell sein. Bei den Werten für die ersten Sprintmeter schneiden zum Beispiel Kugelstoßer im Vergleich zu Sprintern bestens ab.

„Ich fühle mich kräftig, ich fühle mich stark“, sagt Perplies über seine Maße, und dass er im Vergleich mit anderen „durchaus ein Hüne“ sei. Auf Augenhöhe ist er dagegen mit seinen Kontrahenten bei den verschiedenen Meisterschaften. Mit der Teilnahme an den Kreisseniorenmeisterschaften unlängst in Herten hat er die Freiluftsaison beendet. Auf 13,82 Meter stieß er das in dieser Altersklasse „nur noch“ sechs Kilogramm schwere Sportgerät. Er wurde Kreismeister. „Für den Saisonausklang war das okay und ich habe auch in erster Linie an diesem Wettkampf teilgenommen, weil mein Verein der Ausrichter war.“

Die Planung dieser Saison sah als Höhepunkt die Europameisterschaften in Zittau vor. Da wurde er Fünfter, stieß die Kugel auf 14,22 Meter. Seine beste Leistung zeigte er bei den Deutschen Meisterschaften in Erfurt. Da sicherte er sich den Titel mit 14,41 Metern. „Natürlich hätte ich bei der EM gerne weiter gestoßen, aber wenn ich auf diese Saison zurückblicke, war sie mit dem Gewinn des DM-Titels okay.“

Erst recht mit dieser Vorgeschichte. Perplies hatte fast jeden Wettkampf mit den Folgen einer Verletzung zu kämpfen. „Bei unter zwei Grad sollte man halt nicht trainieren“, sagt er dazu. An der Knierückseite hatte er Probleme. Dieses Zipperlein lenkte ab. Auch wenn er „die mentale Vorbereitung“, das „auch unter Druck im Wettkampf gut sein“ als seine Stärke nennt. Dafür sei er jedoch zu oft „zu schlampig in der Ausführung. Ich mache zu früh auf. Daran muss ich ständig arbeiten“. Es ist ein immerwährender Prozess, eine Leichtathletik-Technik zu beherrschen. Erst recht, wenn man sie im Laufe seines Ahtletenlebens umgestellt hat.

In der Jugend spielte er Handball beim VfL Hüls. Im Rückraum. Na klar. Später bei der Bundeswehr sah er Kugelstoßer, probierte es aus, stieß 15,50 Meter und wollte da schon zum TV Wattenscheid 01. „Das war für mich der Leichtathletikverein schlechthin.“ Zunächst aber kamen dann Familie, Kinder und der Beruf als Vertriebsingenieur. „Als ich Ende dreißig war, habe ich in der Zeitung darauf geachtet, welche Weiten die Jungs in meiner Altersklasse stoßen. Da habe ich gedacht, das kann ich doch auch.“

Er fing tatsächlich beim Turnverein in Wattenscheid an. „Das war eine harte Aufgabe für die Trainer, mir die Technik beizubringen“, sagt Perplies, der da die Rückenstoß- oder Angleittechnik noch einmal genauestens gezeigt bekam. Inzwischen nutzt er den Schwung der Drehstoßtechnik. „Drehen macht noch mehr Spaß. Aber ganz viele Dinge, die ich in Wattenscheid gelernt habe, helfen mir immer noch. Auch wenn man vieles verlernt und ständig an sich arbeiten muss. Was der Kopf will und der Körper macht, sind eben zwei völlig verschiedene Dinge.“ Gerade aber bei der Trainingsplanung, der Saisonvor- und -nachbereitung orientiert er sich weiterhin an Vorgaben aus seinen Wattenscheider Zeiten. „Deshalb steht nun erst einmal eine richtige Pause an. Sechs Wochen. Ich habe eben auch gelernt, den Körper zu entstressen.“

Der nächste „große“ Wettkampf findet für ihn erst Mitte März statt. Es sind die Hallen-Europameisterschaften der Senioren in San Sebastian. Perplies wird auch dort mit seiner Frau Bärbel ein paar Tage Urlaub dranhängen. „Das gehört für mich dazu. Wenn es geht, verquicken wir solche Veranstaltungen mit einigen freien Tagen, sehen dabei etwas von der Welt. Der Sport ist ein Ausgleich und solange ich gesund bleibe, mache ich weiter.“

Bei den Senioren-Europameisterschaften in Zittau war die Altersklasse M85 die mit den ältesten Aktiven. Auch sie machten Kugelstoßen. Die großen Jungs, die mal echte „Schränke“ waren, oder „Riesen“ oder „Hünen“.

Markus Rensinghoff



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