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Pöter denkt, Pöter lenkt

25.05.2012 | 18:27 Uhr
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Pöter denkt, Pöter lenkt

Essen. Freitagsabends. 19.30 Uhr. Stoppenberg. Sportpark am Hallo. Die rot gekleideten Tusem-Spieler laufen unter dem ohrenbetäubenden Beifall der knapp 3000 Zuschauer ein. Sie winken ins Publikum. Und dann sprintet Essens Spieler mit der Nummer 9 wie von der Tarantel gestochen in die Ecke des gelben Spielfeldes, wo die Tusem-Fanklubs sitzen, bremst urplötzlich aus vollem Lauf ab. „Das ist eine Marotte von mir“, sagt Philipp Pöter. Der gebürtige Marler lacht. „Im Kabinengang bin ich in mich gekehrt, schließe meist die Augen. Wenn ich dann raus komme, will ich den Fans zeigen, jetzt beginnt das Spiel. Jetzt sind wir wach.“

Hellwach, das war der Tusem in dieser Saison fast immer, auch wenn die Erfolgsserie eher zum Träumen verleitet. „Das ist einfach eine geile Saison“, schwärmt Pöter.

Damals, bei der HSG Düsseldorf, zu der er als junge Spieler von der PSV Recklinghausen wechselte, das habe er eher unbewusst wahr genommen. Es sei ja auch so weit weg. „Die jetzige Saison habe ich durch und durch genossen.“ Genossen, wie die spontane Feier am Sonntagabend vor zwei Wochen, als der Aufstieg in die stärkste Liga der Welt endgültig war. „Wir haben alle den Liveticker verfolgt, dann rumtelefoniert und im Irish Pub eine richtige Sause gemacht. Das muss auch mal sein.“

Bei dem nicht vorhersehbaren Erfolg stellt der 25-Jährige das Kollektiv in den Vordergrund. Der Begriff „erste Sieben“ passe nicht mehr in den modernen Handball. Alle gehörten zum Team und alle trügen ihren Teil zum Erfolg bei.

Der Aufstieg des jüngsten Teams der Liga in die Beletage ist ohne Phillip Pöter kaum denkbar. Der 1,88 Meter große Profi mauserte sich unter der Führung von Trainer Maik Handschke zum Lenker und Denker des Essener Spiels.

„In Düsseldorf habe ich den Handball nicht so verinnerlicht wie heute in Essen. Da habe ich immer den Kopf unter den Arm genommen und durch. Maik hat mir beigebracht, dass es nicht in erster Linie meine Aufgabe ist, Tore zu werfen, sondern unser Spiel zu führen“, sagt der 25-Jährige über den akribisch arbeitenden Coach. Gut 20 Spielzüge haben die Essener in petto. Sie wurden in der Saison-Vorbereitung bis zum Erbrechen trainiert und tragen Namen wie „Doppel 1, Doppel 2 oder Yugo-Kreuzen“. Philipp Pöter ist der Mann, der durch Gesten anzeigt, was zu machen ist. In Absprache mit Handschke.

Allein darauf beschränkt sich aber sein Aufgabenbereich aber keineswegs.

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In der

Abwehrmitte ist er eine feste Größe. „Ich bin ja nicht der Größte, aber ich habe ein ganz gutes Spielverständnis“, sagt er. Schnell ist er auch. Das kommt ihm bei Eins-gegen-Eins-Situationen im Angriff zugute. 101 Tore hat der Rückraumspieler in dieser Spielzeit bisher immerhin erzielt. Nicht immer läuft alles nach Plan. „Wir sind Profis, wenn Fehler passieren, gibt es vom Trainer auch schon mal einen Anschiss. Maik lebt Handball, wir leben ihn mit.“

Vom Handball – sagt Pöter – könne er im Moment ganz gut leben, doch beruflich will sich der gelernte Fitness-Kaufmann darauf nicht verlassen. „Handball ist kein Fußball, wo man in vergleichbaren Ligen schnell ausgesorgt haben kann. Das finde ich für uns aber auch gar nicht verkehrt, denn so bleibt man bodenständig.“

Neben dem Handball bildet er sich zum Fitnesstrainer und Ernährungsberater fort. Berufsziel: Personal Coach.

Erst einmal spielt aber der Handball die erste berufliche Geige bei dem passionierten Tennisspieler und Motorradfahrer. Statt Saarloius und Bittenfeld heißen die Kontrahenten nun Kiel und Hamburg. „Individuell kommt da mehr auf uns zu“, erklärt Pöter, der nichts dagegen hat, dass einige den Tusem bereits als Absteiger

handeln.

„In der Mannschaft steckt noch sehr viel Potenzial. Wir werden wahrscheinlich mehr verlieren als gewinnen, aber wir werden uns weiter entwickeln. Körperlich haben wir alle in dieser Saison auch zugelegt. Darauf legt Maik auch weiterhin Wert. Durch die eingleisige zweite Liga ist die Kluft zudem nicht mehr ganz so groß.“ Trotzdem: Pöter ist ist zwar ein durch und durch positiver Mensch, ein Träumer ist er nicht. „Man muss sich auch Gedanken machen, dass wir wieder absteigen können. Wenn es so kommt, dann aber erhobenen Hauptes.“

So weit ist es aber noch lange nicht. Bevor die Vorbereitung auf die Erstliga-Saison 2012/13 auf der Essener Margarethenhöhe beginnt, geht es individuell noch in den Urlaub – ohne Handball. Und mit 15 Spielern gemeinschaftlich auf Mannschaftsfahrt – auch ohne Handball. Pöter verwaltet die Mannschaftskasse, sieht zu, je näher das Saisonende rückt, dass Außenstände von seinen Mitspielern ausgeglichen werden. Da kennt er kein Pardon. Er ist allerdings recht zuversichtlich, dass sein Tun erfolgreich sein wird: „Ich fühle mich als Teil des Ganzen“, sagt der 25-Jährige.

Das Ganze, das sind für ihn die Mannschaft, der Trainer, die Geschäftsführung und – last but not least – die Fans. Einmal, heute in einer Woche, wird er noch beim letzten Saison-Heimspiel gegen Schwerin zum vorerst letzten Mal zu ihnen sprinten und sie auf seine ganz persönliche Art und Weise begrüßen.

Dietmar Mauer

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