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Neue Rolle

08.09.2008 | 18:01 Uhr

Von der Helferin zur Tour-Siegerin. Charlotte Becker feiert in den Niederlanden einen ihrer größten Erfolge und freut sich nun auf den Weltcup in Nürnberg und die Weltmeisterschaft

Waltrop. Was hat Charlotte Becker in ihrer Karriere schon alles gewonnen. Etliche nationale Titel. Auch internationale Titel. Dieses Jahr noch den Bahnrad-Weltcup in Los Angeles. Angesichts dieser langen Medaillenliste verblüfft es auf den ersten Blick schon ein wenig, wenn die 25-jährige Radrennfahrerin nach dem Sieg bei der Ladies Tour in Holland von einem wichtigen, wenn nicht sogar von ihrem bislang größten Erfolg spricht: „Ja, das ist so. Das ist eben nicht irgendein Rennen.”

Stimmt. Nicht eines. Sondern gleich sechs. Und jedes ist härter als das andere. Das gibt der Kurs vor. Dafür sorgt aber auch die Konkurrenz, die in den Niederlanden wieder einmal ihre Qualität hatte. Und dann kommt ja noch ein weiterer Faktor dazu, der den jüngsten Erfolg noch einmal zusätzlich aufwertet. Denn ihre Rolle im Profi-Team Equipe Nürnberger ist ja eigentlich eine ganz andere.

Doch diesmal, als sich Becker mit einem starken Zeitfahren und einer ebenso vorzüglichen Vorstellung auf der dritten Etappe überraschend das Trikot der Führenden geschnappt hatte, da schlüpften plötzlich andere in die Helferrolle, die ja sonst eher Becker mit Leidenschaft und Energie ausfüllt. „Das war ganz schön ungewohnt für mich. Nicht mehr vorne fahren, sondern ich als Sechste hinten drauf”, sagt sie und lacht: „Manchmal kam ich mir richtig faul vor.”

Ein schlechtes Gewissen, weil die anderen, die schon so oft in dieser Saison von ihr profitierten und nun für sie rackerten? Das musste sie nicht haben. „Charlotte ist oft genug für die Mannschaft gefahren”, erklärt ein überglücklicher Sportlicher Leiter der Equipe Nürnberger, Jens Zemke: „Sie hat es einfach verdient, dass die Mannschaft einmal für sie gefahren ist.”

Das hatte sich während der Tour so ergeben, weil es im Vorfeld keine Stallorder gegeben hatte. Charlotte Becker fuhr prima mit, schaffte mit Platz sieben im Zeitfahren die Basis, preschte dann nach vorne und bot durchweg die konstanteste Leistung. Becker blieb die Beste, auch nach der tückischen Schlussetappe von Valkenburg nach Berg en Terblijt, hatte am Ende nach 594,5 Kilometern, nach 14 Stunden, 22 Minuten und 12 Sekunden 38 Sekunden Vorsprung auf Ina Teutenberg (Team Columbia), der drei Etappensiege nichts nützten. Becker gewann zudem die Wertung der schnellsten Sprinterin und führte auch noch ihr Team zum Mannschaftssieg.

Becker scheint so stark wie noch nie - trotz aller Rückschläge 2008 mit Schlüsselbeinbruch und verpasster Olympia-Qualifikation („Das ist vorbei, daran denke ich nicht mehr. Ich schaue nach vorne”). So stark, dass sie große Hoffnungen hegt, bei der in Kürze stattfindenden Straßen-Weltmeisterschaft ihr bestes Ergebnis in der offenen Klasse zu erreichen.

Ihre Steigerung kommt nicht von ungefähr. „Wir haben ein gutes Programm und ich bekomme im Team viele Einsätze”, sagt Becker. Rennen, in denen sie viel lernen kann, weil sie eben auch in einem ganz starken Team fährt. Noch ist nicht entschieden, in welcher WM-Disziplin sie ab dem 24. September im italienischen Varese an den Start gehen wird, doch vieles spricht für das Einzelzeitfahren. In dem wurde sie im Vorjahr 18. Diesmal sollte es dann ein Platz unter den ersten zehn werden. Zu sehr unter Druck setzen möchte sie sich jedoch nicht. Alles kann, aber nichts muss. Der letzte Test steigt am kommenden Wochenende, wenn die Equipe Nürnberger daheim in der Franken-Metropole zum letzten Straßen-Weltcup der Saison antritt. Charlotte Becker ist bereit. Ganz egal, in welcher Rolle sie sich wiederfinden sollte. Aber erfolgreich sollte sie sein. Für die Mannschaft.

Detlev Seyb

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