Ein Fall für Zwei
19.02.2010 | 15:54 Uhr 2010-02-19T15:54:00+0100Wenn in Vancouver die deutschen Bobfahrer und Rennrodler den Eiskanal hinunterrasen, dann ist Norbert Hiedl Feuer und Flamme. Er kennt sie alle. Persönlich. Der Waltroper hätte sogar ganz offiziell bei den Olympischen Spielen dabei sein können. Mit Akkreditierung. Aber er hat verzichtet. Für andere.
Waltrop. „Einen Rechtsreferenten braucht man nicht vor Ort. Da sind andere viel wichtiger fürs Team als ich”, sagt Norbert Hiedl ganz bescheiden. Der Verband hatte das anders gesehen. Die mögliche Berufung für Vancouver sollte nämlich ein Dankeschön für jahrelanges Engagement im Bob- und Schlittensport sein. Der Rechtsanwalt hatte eine Menge bewegt. Für Aktive. Für den Verband. Seine Meinung ist geschätzt. Vor allem seine Erfahrung und seine Durchsetzungskraft.
Vor seinem Einstieg 1996 als Referent für Recht und Sponsoring im nationalen Rennrodelverband und als Vorsitzender des Schiedsgerichtes im internationalen Rennrodelverband (heute ist er auch Rechtsreferent im geschäftsführenden Vorstand des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland), war er nämlich jahrelang als Anwalt im Eishockey unterwegs. Vertrat Spieler, Manager, Trainer, Vereine. Er wurde geliebt. Und auch gehasst. Entscheidend war, auf welcher Seite man stand. 20 Jahre lang machte er das. „Ja, auch damit habe ich mein Geld verdient.”
Der tödliche Trainingsunfall des georgischen Rennrodlers Nodar Kumaritaschwili in Vancouver beschäftigt Norbert Hiedl emotional.
Er erinnert ihn auch an den schrecklichen Unfall am 23. November 2009 am Königssee, den er aktuell juristisch für den Deutschen Bob- und Schlittenverband begleitet. Es war eine Verkettung vieler unglücklicher Umstände, die staatsanwaltlichen Ermittlungen dauern noch an. Hiedl selbst war nicht vor Ort. Der russische Frauen-Bob Filina/Skworzowa bekommt einen Extra-Trainings-Start, weiter unten. Die sind spät dran, die Ampel zeigt auf rot, werden aber auf die Bahn geschickt. Fast zeitgleich startet oben ein russischer Männer-Bob – die Ampel steht auf grün. Das Tragische: Filina/Skvorzova stürzen und die Männer rasen in den Frauen-Bob hinein. Irina Skvorzova überlebt mit schwersten Verletzungen.
Sein erster Mandant war der frühere Eishockeynationalspieler Walter Stadler, der zum Ausklang seiner Karriere in Ratingen die Halle füllte und den er bei Gehaltsverhandlungen begleitete. Ein Fall für Zwei. Hiedl holte mehr heraus als Stadler für möglich hielt. Nicht nur Stadler war begeistert von Hiedls Verhandlungsgeschick. Das sprach sich herum. Bundesweit. Wer Probleme hatte, der kam zu Norbert Hiedl, der in seiner Freizeit viele Sportarten ausprobiert hat: Segeln, Surfen, Rudern, Tischtennis, Tennis, Ski fahren und Schlittschuh laufen. Der Wahl-Waltroper (er wurde in Freising geboren, lebt seit 1979 in Nordrhein-Westfalen und seit 1989 in Waltrop) gewann einige spektakuläre Fälle und machte sich in der Szene schnell einen Namen.
1996 erstritt der heute 60-Jährige mit Spieler Torsten Kienass ein Bosmann-Urteil für das Eishockey vor dem Bundesarbeitsgericht. Er stellte den Deutschen Eishockeybund an den Pranger („Wenn im Eishockey eine Versammlung stattfindet, handelt es sich tendenziell um eine kriminelle Vereinigung”), als er gegen die Rechtsgültigkeit der auf dem Münchner Verbandstag 1997 gefassten Beschlüsse Klage eingereicht hatte. 2001 sorgte der Eishockey-Insider nochmals für bundesweites Aufsehen, als er behauptete: „Mindestens 70 Prozent der DEL-Klubs führen schwarze Kassen.” Fälle, die ihn bekannt und auch begehrt machten.
Durch den Konstanzer Arbeitskreis für Sportrecht fand der Kommunalpolitiker (von 2004 bis 2009 für die Grüne Liste Waltrop im Rat vertreten) 1996 den Einstieg in den Kufensport, „obwohl ich bis heute noch nie die Röhre hinuntergefahren bin.” Seitdem er seine Kanzlei in Dortmund geschlossen und nur noch ein kleines Büro in Waltrop hat, nimmt die Verbandsarbeit stetig zu. „Der Aufwand steigt”, sagt Norbert Hiedl, der seit 2008 zudem Anti-Doping-Beauftragter im Deutschen Bob- und Schlittenverband ist. Sitzungen. Telefonate. Briefe. Natürlich auch Veranstaltungsbesuche. Eine nette Abwechslung zum zunehmenden Bürokratismus.
Unzählige Weltcups und Weltmeisterschaften hat er erlebt. Nur eben noch nicht Olympia. 2014 in Sotschi könnte er wirklich schwach werden, gibt er zu. „Olympische Winterspiele in den Subtropen, in einem der beliebtesten Kur- und Badeorte Russlands, das hört sich doch für unseren Sport ganz interessant an.”

0mitdiskutieren