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Der Schritt ins neue Leben

08.02.2012 | 15:47 Uhr
Der Schritt ins neue Leben
Anja Schäfer Foto: Joseph-W. Reutter

Castrop-Rauxel.Seit 40 Jahren dreht sich das Leben von Anja Schäfer-Bongwald rund ums Ruderboot. Erst war es ein Hobby. Dann Hochleistungssport. Längst ist der Sport ihr Beruf. Die Castrop-Rauxelerin, 1988 unter Trainer Peter Jost im Frauen-Achter Olympiateilnehmerin in Seoul, arbeitet als Bootsbauerin in ihrer Wahlheimat Wien.

Der Übergang vom Leistungssport in den Beruf verlief fast fließend. Nach Realschule, Tischlerlehre, Fachabitur und zwei Jahre Architekturstudium arbeitete Schäfer-Bongwald in der nacholympischen Saison als Tischlerin und musste schnell erkennen: Rudern auf diesem Niveau und der Job lassen sich nur schwer unter einen Hut bringen. Als dann auch noch Peter Jost aufhörte, der sie auf der Wartburginsel entdeckte und nach zwei Junioren-WM-Bronzemedaillen, dem fünften Platz bei der A-WM 1987 bis zu den Olympischen Spielen führte, stand der Entschluss vom Rückzug schnell fest – zumal gerade die bundesdeutschen Riemenfrauen zu Zeiten des Eisernen Vorhangs gegen die bärenstarken Ostblock-Nationen einen schweren Stand hatten. Schäfer-Bongwald: „Die vorderen Ränge waren doch alle schon vergeben. Ohne uns.“

Ein Schritt, den die zweifache Mutter heute – wenn sie die Zeit noch einmal zurückdrehen könnte – durchaus wieder rückgängig machen würde („Ich hätte mir mal einen Tritt in den Hintern geben sollen“). Schließlich hatte die damals 22-Jährige sportlich noch allerbeste Perspektiven und musste wenig später mitansehen, wie zum Beispiel Team-Kolleginnen wie Ingeburg Schwerzmann und Stefanie Werremeier von 1989 bis 1992 im Zweier „ohne“ richtig durchstarteten und Medaillen absahnten.

„Eigentlich war ich zu jung zum Aufhören. Aber wie sollte man wissen, dass sich im Herbst 1989 mit dem Fall der Mauer alles verändern würde?“ Als dies geschah, „hatte ich schon einen viel zu großen Schritt in ein neues Leben gemacht.“

Anja Schäfer-Bongwald lebte zur Wendezeit in Zürich, startete dort ihre jetzige berufliche Karriere bei der Bootswerft Stämpfli, ging von dort später in die Ruderwerkstatt Werner Kahl nach Gießen und fing 1993 mit ihrem eigenen Reparaturservice in Bochum an, wo sie sich in der Werkstatt von Vierer „ohne“-Weltmeister Guido Grabow einmietete (1994 Meisterprüfung im Bootsbau). Seit 2001 hat sie nun ihre eigene Werkstatt in Wien. Privat hatte es die 45-Jährige in die österreichische Hauptstadt gezogen. Das Revier mit seiner dichten Ruderszene hatte ihr volle Auftragsbücher beschert, doch in Wien fing Anja Schäfer-Bongwald praktisch wieder bei Null an.

Dennoch eine reizvolle Aufgabe („Eine völlig andere Mentalität, mit der ein Ruhri erst einmal klar kommen muss“), die sie innovativ anging. „Warum soll ich Rennboote bauen, wenn das schon andere erfolgreich und gut machen“, sagt sie. Service und Dienstleistungen sollten ihr Programm in der Halle an der Alten Donau bestimmen: Und dabei kennt sie keine Grenzen. „Ich helfe, wo ich nur kann. Das wissen meine Kunden zu schätzen.“ Mittlerweile bietet sie als Bootsbauerin weitaus mehr als Reparaturen und Ersatzteile an. Zum Beispiel auch hochwertige Sportbekleidung, mit der jetzt die österreichische Nationalmannschaft eingekleidet wurde. Vergangenes Jahr bekam sie sogar einen ganz besonderen Auftrag: Für das Wiener Burgtheater baute die ehemalige DRV-Nationalmannschaftsruderin in zwei Monaten eine venezianische Gondel.

In ihrer Freizeit sitzt sie immer noch gerne aktiv im Ruderboot, engagierte sich zwischenzeitlich auch ehrenamtlich als Masters-Referentin im österreichischen Ruderverband und 2012 wird sie sich 24 Jahre nach Seoul zum zweiten Mal Olympische Spiele gönnen.

In London von der anderen Seite mit ihren Kindern Lena und Jan. „Seoul hat mich damals sehr beeindruckt.“

Attacke aus Castrop-Rauxel

Zum Rudern kam Anja Schäfer-Bongwald durch ihren Vater Horst Schäfer, der viele Jahre Vorsitzender des RV Rauxel war. Mit sechs hat sie zum ersten Mal gesteuert, mit neun die Skulls durchs Wasser gezogen und als Juniorin dann richtig Gas gegeben: Jeweils Bronze holte sie bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Frankreich (1983) und Schweden (1984, beide Male im Achter).

Mit ihr reiften weitere Talente in Castrop-Rauxel heran, und nachdem sie im Vierer „mit“ beim Match des Seniors – dem Vorgänger der heutigen U23-Weltmeisterschaften – Gold gewonnen hatte, rückte die Wartburginsel in den Mittelpunkt des bundesdeutschen Frauen-Riemenruderns: Der Dortmunder Stützpunkt platzte seinerzeit aus allen Nähten und da der Frauentrainer Peter Jost hieß, der wiederum aus Castrop-Rauxel kam, machte der DRV die Europastadt zur Dortmunder Außenstelle. Das Projekt gestaltete sich sehr erfolgreich und als der Frauenachter – mit u.a. Anja Schäfer-Bongwald, der Waltroperin Ingeburg Schwerzmann und der Recklinghäuserin Kerstin Siering – bei der A-WM 1987 in Kopenhagen gar Fünfter wurde mit gar nicht mal so großem Rückstand zum späteren Olympiasieger aus der DDR, wollte Castrop-Rauxel für die Bundesrepublik den Angriff auf die Top-Nationen der Welt bei Olympia starten. In Seoul kehrte mit dem siebten Platz jedoch Ernüchterung ein.

Detlev Seyb

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