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Christina Becker hat umgesattelt

30.12.2009 | 13:09 Uhr

Waltrop. Dieser Rückzug ist kein Rücktritt. Christina Becker hat sich zwar aus dem Hochleistungssport zurückgezogen, aber so ganz ohne Radsport kann sie nun auch wieder nicht: Im Team Nutrixxion wird die 32-Jährige nationale Hoffnungsträgerinnen unterstützen.

Endlich hat sie Zeit, sich um ihren eigentlichen Job zu kümmern: Sie ist Polizeiobermeisterin und die Waltroperin wird am 4. Januar ganz offiziell ihren Dienst antreten.

Was wiederum auch nicht ganz stimmt: Sie ist ja eigentlich schon zehn Jahre dabei und damit die dienstälteste Hochleistungssportlerin im Förderprogramm der Bundespolizei, die ihr über diesen langen Zeitraum den Rücken mit vielen Freistellungen freigehalten hatte. „Ich habe meinem Arbeitgeber so unendlich viel zu verdanken und freue mich, dass ich jetzt etwas zurückgeben kann.” Christina Becker sieht ihre Prioritäten im Beruf. Aber sie will weiterfahren. Mit weniger Aufwand, weil mehr als 15 Stunden pro Woche neben dem Job kaum möglich sein werden. Weil es auch wichtig ist, um nach diesen extremen Belastungen keine gesundheitlichen Probleme zu bekommen. Aber weil sie es auch will. Sie fühlt sich eben noch fit genug, um „semi”professionell etwas zu bewegen: „Wer weiß, vielleicht kann ich ja auch noch das eine oder andere Rennen gewinnen.” Oder eben anderen auf dem Weg nach oben helfen.

Die Entscheidung ist ihr nicht leicht gefallen, weil sie sich immer noch fit für die Spitze fühlt. Christina Becker war über ein Jahrzehnt die „Arbeitsbiene” im deutschen Radrennsport, hat so unendlich vielen zum Sieg und Erfolg verholfen. Sie stand immer vor dem ganz großen Sprung, hatte aber immer wieder Probleme: mit der Gesundheit, auch mal mit dem Verband. „Manchmal habe ich es nicht verstanden.”

Die Waltroperin hatte das Talent, um ganz oben anzukommen. Das hat sie oft genug bewiesen. 2001, der Bahnrad-Weltcup in Malaysia. International die ganz große Nummer zum damaligen Zeitpunkt mit dem Doppelsieg in der Einerverfolgung und Punktefahren. Ein Doppelgold der großen Hoffnung. Becker wurde mehrfach Deutsche Meisterin auf der Bahn, hat es allen gezeigt und doch hat es nicht gereicht. Kleinigkeiten waren es zum entscheidenden Zeitpunkt. Rückschläge, die ein jeder Sportler erfahren muss, weil es nicht nach Muster läuft. Rückschläge, die man nicht verstehen muss. Zum Beispiel, wenn der Verband einer Mitte 20-jährigen erklärt, sie sei zu alt. Der Nachwuchs ist unsere Zukunft. Noch Fragen?

Umso bemerkenswerter ist es, dass sich Christina Becker hat nie unterkriegen lassen. Als sie schon alle abgeschrieben hatten, war sie wieder da. Durfte Weltcups fahren. Durfte mit ihrer jüngeren Schwester Charlotte sogar zur Weltmeisterschaft. Was viele nicht wussten: Ganz offiziell gehörte sie nicht mehr zur Nationalmannschaft, obwohl sie mitten drin war. Sie hatte nur die Bundespolizei im Rücken.

Erfahrungen, die sie in ihr weiteres Leben nehmen wird. Erfahrungen, die sie aber auch nicht missen wird. Sie hat gelernt zu kämpfen und trotz aller Widrigkeiten erfahren, dass es auch spätes Glück gibt.

Zum Beispiel im Profi-Team der Equipe Nürnberger, die aktuell vor dem Nichts steht. Christina Becker war erst beim Red Bull Team in Frankfurt an der Oder, dann stand sie bei T-Mobile unter Vertrag, später bei Getränke Hoffmann. Tolle Erfolge. Aber mit dem Wechsel nach Nürnberg, auch dank der Empfehlung ihrer Schwester Charlotte, erlebte sie noch einmal einen Höhenflug. Vor allem in der Saison 2008: „Ich glaube, es war das schönste Jahr, das ich im Radsport jemals erlebt habe. Es gibt nichts, was ich kritisieren könnte. Menschlich passte alles, der Spaßfaktor auch”, sagte sie damals. Schade nur, dass später der WM-Auftritt im Mannschaftszeitfahren nicht mit einer Medaille gekrönt wurde. Gemeinsam mit ihrer Schwester. Es wäre der verdiente Abschluss einer langen Radsport-Karriere auf hohem Niveau gewesen.

Detlev Seyb

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