Traum vom kleinen Finale in weiter Ferne

Biedenkopf..  In der Turn-Bundesliga hat die KTV Obere Lahn die ersten vier ihrer sieben Wettkämpfe absolviert. Die Ausbeute des neu formierten Teams: 2:6 Punkte und Rang sechs. Bevor die Saison am 5. September fortgesetzt wird, ist zwischen Rang vier und dem Abstieg noch alles möglich.

KTV-Trainer Albert Wiemers rechnet nach der 33:36-Niederlage gegen Cottbus allerdings nicht mehr mit dem Erreichen der Finalkämpfe in Karlsruhe. In Baden-Württemberg turnten die Hinterländer 2013 um dem Titel und 2014 um Rang drei. In dieser Saison, der ersten ohne den nach Stuttgart gewechselten Fabian Hambüchen, wird sich der Einzug ins „kleine Finale“ kaum wiederholen lassen. Wiemers sagte im Gespräch mit dieser Zeitung: „Es wird nach der 33:36-Niederlage gegen Cottbus schwierig, mehr als Rang sechs zu erreichen.“

Fokus liegt auf Monheim

Im zweiten Teil der Saison wird sich für die Hinterländer alles auf den Auswärtskampf in Monheim fokussieren. In Nordrhein-Westfalen wollen die Turner um Allrounder Andrey Likhovitskiy am 7. November den Klassenerhalt sicherstellen. Der Aufsteiger aus der Nähe von Düsseldorf hat bisher noch keinen Wettkampf gewonnen. „Wenn wir in Monheim einen guten Wettkampf abliefern, dann müssten wir den Klassenerhalt eigentlich schaffen“, glaubt Wiemers. Mit der Ausgangslage nach den ersten vier Wettkämpfen sind Trainer und Turner jedenfalls zufrieden, sagte Wiemers.

In den ersten beiden Runden bekam es die KTV Obere Lahn mit zwei der drei Meisterschaftsanwärter zu tun. 23:68 hieß es beim Tabellendritten TG Saar, 21:49 in Biedenkopf gegen den Rangzweiten KTV Straubenhardt. Gegen beide Gegner hatte niemand mit einem Sieg gerechnet. „Die Situation vor der Saison war ja bekannt“, sagte Wiemers, „ein Weltklasseturner wie Fabian Hambüchen ist nicht ohne Weiteres zu ersetzen.“ Der Wetzlarer hatte sich nach zwei Jahren bei der KTV Obere Lahn dem momentanen Spitzenreiter MTV Stuttgart angeschlossen.

Die Hinterländer gewannen in Runde Nummer drei bei Aufsteiger KTG Heidelberg mit 43:30, verloren anschließend aber den Heim-Wettkampf gegen den SC Cottbus mit 33:36. „Mit der Situation sind bei uns trotzdem alle zufrieden“, betont der Trainer. „Wir haben den schwierigen Wettkampf in Heidelberg gewonnen. Das war ganz wichtig. Gegen Cottbus hatten wir uns mehr erhofft, aber es ist eben anders gekommen.“ Die Stimmung innerhalb der Mannschaft sei nach der ersten Enttäuschung inzwischen wieder richtig gut. „Ein großes Kompliment an die Gruppe. Alle haben sich für ihre Einsätze richtig fit gemacht. Viele turnen außerdem stabiler als in der vergangenen Saison.“

Dieser Eindruck bestätigte sich in den bisherigen Wettkämpfen allerdings nicht immer. In Erinnerung dürften beispielsweise die vier Absteiger vom Pauschenpferd beim Saisonstart im Saarland sein, ferner die verturnten Barren-Übungen gegen Cottbus. Selbst „Leitwolf“ Andrey Likhovitskiy schwächelte hin und wieder und ließ durch Fehler einige Punkte liegen, die fest eingeplant waren. Aber so ist Turnen eben: In der Bundesliga sind auch andere Weltklasseleute schon vom Gerät gegangen.

Große Leistungsbereitschaft

Bei der KTV Obere Lahn ist mit gewachsenen Ansprüchen in den Jahren 2013 und 2014 allerdings auch die Leistungsbereitschaft größer geworden. Albert Wiemers nennt für die Saison 2015 einige Beispiele: „Sebastian Quensell hat am Pauschenpferd den Schwierigkeitsgrad nochmals erhöht, und Fabian Lotz hat sich an Pferd, Barren und Reck enorm gesteigert.“ Sogar „Oldie“ Jasper Vennemann hat mit seinen 34 Jahren eine neue Herausforderung gesucht und gefunden: Er hat die „Schwalbe“ in seine Ringe-Kür integriert. Dieses Element gilt als eine der Höchstschwierigkeiten. Verschwunden ist die Dominanz eines Fabian Hambüchen oder eines Andrey Likhovitskiy als Punktesammler, auch wenn der Weißrusse mit 55 Punkten hinter Oleg Verniaiev (TG Saar, 62 Zähler) schon wieder auf Rang zwei der Liga-Scorerliste zu finden ist. Die Last des Punktesammelns hat die KTV Obere Lahn in dieser Saison von ihren Fünf- oder Sechskämpfern auf viele Schultern verteilt. Eine ähnliche Strategie verfolgen die meisten Teams, die auf den Rängen vier bis acht zu finden sind. Die bisherige Ausbeute lautet: Andrey Likhovitskiy 55 Punkte, Mikhail Kudashov 13, Nick Klessing 12, Fabian Lotz 10, Lasse Gauch 10, Sebastian Quensell 6, Jasper Vennemann 4, Thore Gauch 4, Jakob Paulicks 3 und Waldemar Schiller 3. Nur Extremskifahrer Felix Wiemers, der einmal am Sprung aushalf, blieb noch ohne Zähler.

Das Alleinstellungsmerkmal

Die Turn-Bundesliga zieht in Biedenkopf auch nach dem Weggang Fabian Hambüchens das Publikum in die Sporthalle der Lahntalschule. „Die Bundesliga ist noch immer die stärkste Liga der Welt. Hier turnen Weltklasseleute und deutsche Spitzenturner“, nennt Albert Wiemers das Alleinstellungsmerkmal. Für Attraktivität sorgt auch die große Spannung im Meisterschaftskampf, aber auch die Situation in der unteren Tabellenhälfte, denn dort kann jeder jeden schlagen. Und außerdem gilt: Neue Namen, neue Reize. Im KTV-Team sorgen in dieser Saison der Russe Mikhail Kudashov, Junioren-Nationalturner Nick Klessing sowie Bundesliga-Debütant Lasse Gauch für Neugier.