Mindestlohn vergleichbar mit Bosman-Urteil

Wittgenstein..  Nach einer Stunde Fußballspiel stehen nicht mehr alle Kicker auf dem Platz – Nicht Rote Karten, sondern der kollektive Ruf nach dem Feierabend lässt die Spieler Richtung Kabine laufen. Ganz so schlimm wird es wohl nicht kommen, aber der Mindestlohn im Fußball macht sogar völlig abwegige Gedankenspiele möglich. Künftig können bezahlte Amateurfußballer auch auf ihre Arbeitszeit pochen.

Spaß beiseite! Vereine müssen sich Gedanken machen, wie ihre Amateursportler, Übungsleiter, Trainer oder Platzwarte beschäftigt und bezahlt werden. Seit dem 1. Januar diesen Jahres gilt der Mindestlohn von 8,50 Euro brutto pro Stunde auch im Sport. Für Dirk Beitzel, den 2. Vorsitzenden der Fußballabteilung des TuS Erndtebrück, ist „das ist keine glückliche Geschichte.“ Platzwarte oder die Besatzung des Würstchenstandes sind in Erndtebrück von den Neuregelungen nicht betroffen. „Das passiert bei uns alles ehrenamtlich.“ Es geht um die Fußballer. Aus Beitzels Sicht betrifft es Vereine und Mannschaften ab Landesliga-Niveau, aber z.B. nicht die 1. Mannschaft des TuS, die in der Oberliga spielt. Dort haben die Kicker als Vertragsamateure bereits semiprofessionellen Status. Kritischer sieht Beitzel die Situation schon bei den U19- und U23-Teams sowie den klassischen zweiten Mannschaften. Vor allem die definierte Obergrenze von 29 Stunden bei 250 Euro monatlich sieht er als Problem: „Es kommt darauf an, was da alles hineinfällt. Was ist zum Beispiel mit der Fahrt zum Training? Da macht dann jeder seine Arbeit und wenn es ganz dumm kommt, muss der Trainer einen Spieler vor dem Training nach Hause schicken, weil der seine Stunden voll hat.“ Ohnehin geht Beitzel davon aus, dass man ganz schnell mal in einem Monat bei 33 oder 36 Stunden ist: Das könnte bei einem Jugendspieler 50 bis 100 Euro ausmachen.“ Allerdings zahle der TuS im Jugendbereich keine Spielergehälter.

Mindestlohn wird zur Charakterfrage

Beim VfL Bad Berleburg befasst sich Uwe Döbbert, Geschäftsführer des Gesamtvereins, mit den Auswirkungen: „Für uns ist das glücklicherweise noch kein Thema, aber ich habe das im Hinterkopf.“ Auch Döbbert sieht das Problem weniger beim Turnen als beim Fußball. Allerdings hat Döbbert auch eine persönliche Meinung, die viel mit Charakterfragen zu tun hat: „Was spricht dagegen, dass ein Spieler seine 29 Monatsstunden ableistet, die er bezahlt bekommt, und alle Zeit darüber hinaus ehrenamtlich für den Verein arbeitet, wie alle anderen auch“. In genau dieses Horn stößt auch Dirk Beitzel und kann sich durchaus vorstellen, dass man Spieler oder andere Minijobber daran misst, ob sie sich über ihre Arbeitszeit hinaus unentgeltlich für den Verein engagieren. Aber Beitzel warnt auch und vergleicht den Mindestlohn mit den Folgen des Bosman-Urteils von 1995. „Die wirklichen Auswirkungen werden wir doch erst sehen, wenn ein Spieler vor Gericht zieht. Das wird dann der Fall sein, wenn man sich nicht im Guten getrennt hat.“