Mercedes den Stern geklaut
05.02.2012 | 22:13 Uhr 2012-02-05T22:13:00+0100
Kreuztal.„So ein Tag, so wunderschön wie heute...“ sangen die Fans auf den Rängen in der Stählerwiese und nach einer hektischen Schlussphase lagen sich dann auch die Spieler in rot in den Armen, schon eine Minute vor der Schlusssirene war klar: Hier brennt nichts mehr an. Dank einer Leistungssteigerung in der zweiten Hälfte hatte der TuS Ferndorf mit 32:27 dem direkten Verfolger Wilhelmshavener HV den Schneid abgekauft und zwei wichtige Punkte auf dem Weg zum möglichen Aufstieg in die 2. Liga getan.
Nachdem sich Spitzenreiter Lemgo beim Leichlinger TV am Samstag mit 32:35 eine „Auszeit“ gönnte, und die gewonnene Partie gegen Altenhagen-Heepen mit 0:2 gegen Lemgo II gewertet wurde (s. Extrabericht unten) liegt Ferndorf nun mit zwei Zählern Vorsprung vor der Konkurrenz auf dem Relegationsplatz und der Vorsprung des Tabellenführers ist auf vier Punkte zusammengeschmolzen.
Wilhelmshavener:„Kölner Karnevalin Ferndorf“
Der Ex-Zweitligist aus Wilhelmshaven gilt neben Leichlingen und Lemgo als Primus der Liga, hatte die Mannschaft von Trainer Christian Köhrmann doch bis zum Gang in die südwestfälische Handball-Hochburg Kreuztal keines ihrer acht Auswärtsspiele verloren. Jetzt klauten Trainer Caslav Dincic und seine Jungs den Nordsee-Handballern vom Jadebusen den Stern.
Doch bis dahin war es ein hartes Stück Arbeit – auch deshalb, weil Wilhelmshaven immer wieder durch Provokationen und versteckte Fouls eine unrühmliche Facette zeigte. Das gipfelte in einer hektischen Schlussphase, in der Kreisläufer Moritz Barkow dem in Hälfte zwei brillanten Jonas Faulenbach sechs Minuten vor Schluss beim Anflug an den Kreis wie in Mike Tyson-Manier die Faust in den Magen rammte. Es setzte Rot für Barkow und die Jungs von der Nordsee standen nach Strafen gegen Kozul und Köhrmann nur noch mit drei Feldspielern auf dem Parkett.
Als Ferndorf eine Minute vor Schluss mit 31:27 führte, nahm Trainer Caslav Dincic noch eine Auszeit – eine Maßnahme, die Ferndorfs Trainer so begründete: „Vier Tore Vorsprung, dann gehört es sich nicht, eine Auszeit zu nehmen und ich mache das sonst auch nicht, aber ich habe die Mannschaft beruhigen wollen, der Mannschaft gesagt, keine Fouls, keine Fouls!“
Beim Gästetrainer kam diese Auszeit gar nicht gut an. Unter den gellenden Pfiffen des Ferndorfer Publikums erklärte er: „Unter normalen und fairen Bedingungen hätten wir dieses Spiel auch ohne unsere fehlenden Stammspieler gewonnen!“ Auch aus der Kabine der Wilhelmshavener, die vom „Kölner Karneval in Ferndorf“ sprachen, schallte Frust: „Wenn man mit nur acht einsatzfähigen Spielern gegen eine komplette Mannschaft und gegen die Schiedsrichter spielen muss, dann kann man so ein Spiel nicht gewinnen.“
Der TuS Ferndorf zeigte zwei Gesichter: viele Fehlwürfe und Ballverluste in der ersten halben Stunde, taktisch klug mit starkem Abschluss, sicherer Deckung und einem glänzenden Torwart Max Hamers im zweiten Durchgang.
100. Saisontor vonJonas Faulenbachbringt die Wende
Ferndorf startete nach dem Geschmack der Fans. Dennis Aust verwandelte den ersten seiner fünf Siebenmeter. 4:2, 5:3 - ein guter Beginn, doch dann versemmelte ausgerechnet Jonas Faulenbach, der Spieler, der später das Tor zur 15:14-Halbzeitführung erzielte und der in Hälfte zwei ganze wichtige Tore beisteuern sollte, gleich drei Mal. Dahin war die Führung, knapp 20 Minuten lagen die Gäste mit ein, zwei Toren vorn und es war der schlaksige, wendige Jungspund Julian Schneider, der mit drei Treffern den TuS wieder heranführte und beim 13:13 das „blinde“ Anspiel an den Kreis auf Christian Stelzenbach lieferte, der dann mit einem Traumtor verwandelte.
Diese Treffer wirkten wie ein Weckruf, Faulenbach zum 15:14-Pausenstand und im zweiten Durchgang erlaubten die Ferndorfer dem Gast nur kurz die Führung 16:17(33.).
Es war Faulenbach mit seinem 100. Saisontor (17:17), der die Wende einläutete. Ferndorfer jetzt immer sicherer in der Abwehr, was dennoch durchflutschte, kassierte Torwart Hamers und dann beim ersten Drei-Tore-Vorsprung (25:22/46.) hatte Ferndorf endgültig die Oberhand.
Mit einem Heber von Rechtsaußen baute Aust zum 27:23 auf vier Tore aus und als sich dann die spielerisch starken Gäste auf Schiedsrichterdiskussionen, Provokationen und Nickeligkeiten einließen, war den Ferndorfern der Sieg nicht mehr zu nehmen.
STATISTIK
Ferndorf: Hamers, Rottschäfer, Alen Sijaric, Schneider (4), Faulenbach (5), Aust (9/5), Dettling, Hilger (1), Feldmann (2), Lange (6), Mirza Sijaric (1), Stelzenbach (4).
Wilhelmshaven: Doden; Maas (4), Warnecke (4), Lehmann (3), Hesslein, Staczewski, Barkow (3), Köhrmann (9/1), Kozul, Bonath (4).
Schiedsrichter: Marx/Bühler (Nümbrecht/Wiehl).
Zuschauer: 1100.
Rote Karte: Barkow (Wilhelmshaven) wegen Foulspiels.
STIMMEN ZUM SPIEL
Auf der Abteilungssitzung am vergangenen Montag war der ehemals erfolgreiche Ferndorfer Handballer Dirk Stenger zum neuen Abteilungsleiter gewählt worden. Der 32:27-Erfolg gegen den Wilhelmshavener HV war somit ein Einstand nach Maß, der erste Sieg nach dem Führungswechsel. „Für den sportlichen Teil bin ich ja nicht zuständig“, betonte Stenger, „da werden wir noch einen Nachfolger für das Sportmanagement finden müssen.“ Über den ersten Sieg nach seiner Wahl freute sich der neue Abteilungschef dennoch: „Es war lange Zeit ausgeglichen, aber durch die gute 2. Halbzeit von uns und einer guten taktischen Ausrichtung haben wir das Spiel verdient gewonnen. In der zweiten Hälfte hatten wir weniger Ballverluste und haben fast immer die richtigen Entscheidungen getroffen.“
„Am Ende zählt diegrößere Konstanz“
Trainer Caslav Dincic sah seine Mannschaft ebenfalls als den verdienten Sieger: „Wir haben uns auf den Gegner gut eingestellt. Wir wussten, wie spielen werden. Wilhelmshaven hat auf drei Stammspieler verzichten müssen, aber wenn sie sich aufs Handball spielen konzentriert hätten, denn das können sie, hätte das auch anders ausgehen können. Und so haben wir den Sieg erkämpft.“
Spieler Carsten Lange entschuldigte sich nach dem klebrigen Handschlag: „Tut mir leid, aber nach so einem Spiel kann man das Harz an der Hand auch schon mal vergessen. Wir werden bis zum Schluss um den zweiten Platz kämpfen und das war heute ein wichtiger Schritt. Wir hatten uns vorgenommen, aus einer sicheren Deckung zu agieren und in der zweiten Hälfte hat das auch genauso gepasst. Gut, in der ersten Hälfte haben wir uns viele Fehler geleistet, aber das Ding im zweiten Durchgang gedreht. Wir müssen von Spiel zu Spiel denken und am Ende zählt die größere Konstanz.“
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