Bürokratie dämpft die Turnfest-Euphorie

Logo 3. NRW-Landesturnfest Siegen 3. bis 6. Juni 2015
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Foto: WP
Was wir bereits wissen
Das, was die Wittgensteiner Turnvereine beim Landesturnfest in der kommenden Woche stemmen wollen, ist schon ein Wahnsinn. Von den rund 4000 Sportlern, die vom 3. bis 6. Juni in Siegen übernachten, wird rund die Hälfte von den Vereinen des Turnbezirks Wittgenstein beherbergt. Natürlich nicht im Altkreis, sondern in Siegener Schulen.

Birkelbach..  Für knapp tausend Gäste sind der TSV Aue-Wingeshausen und die Sportfreunde Birkelbach in der Berufsschule Technik zuständig. Um etwa 400 Turner kümmert sich der TV Arfeld im „AHS“. Rund 600 Münsterländer übernachten beim TV Feudingen in den 68 Klassenzimmern der kaufmännischen Berufsschule.

„Das, was da auf uns zukommt, ist uns erst so richtig bewusst geworden, als wir die Schulen besichtigt haben“, gestand Bianca Saßmannshausen, die bei den Sportfreunden Birkelbach die Hauptplanung übernimmt und auch am meisten sprach, als sich am Dienstagabend rund 40 Helfer im Klubheim der Birkelbacher trafen. Euphorie und Vorfreude auf das große Fest – davon war wenig zu spüren. „Wenn das vorbei ist, mach’ ich ein großes Feuer auf der Lützel“, sagte Saßmannshausen, als jemand sein Erstaunen über den dicken Aktenordner unter ihrer Hand äußerte.

Das, was sich da zwischen den Pappdeckeln befand, treibt die Vereine um und sorgt teilweise für Unverständnis. Enthalten sind detaillierte Helferlisten für die verschiedenen Aufgaben – vom Frühstücksdienst bis zum Wach- und Putzdienst. Auf Materiallisten wird abgehakt, wer was mitbringt – von A wie Absperrband bis Z wie Zeltgarnitur. Auf Raumplänen wird festgehalten, welcher Verein mit welcher Gruppe in welchem Raum übernachtet – obwohl die Wittgensteiner Vereine vermutlich selbst ihre liebe Mühe haben werden, aus Zahlen und Buchstaben schlau zu werden. Nachvollziehbar ist das alles – es sind übliche logistische Anforderungen.

Unmut und Unverständnis beginnen bei dem, was der Vorsitzende des TV Arfeld, Heiner Volkmer, als „ein Meisterwerk der deutschen Bürokratie“ bezeichnet. Der Ordner der Turnfestwarte enthält nämlich auch ein dickes Heft mit Brandschutzvorschriften, die bei einer Brandschutzunterweisung vermittelt wurden. Nicht minder umfangreich sind die Hygienevorschriften, die über das Maß einer Bettlektüre weit hinaus gehen. Apropos Bett: Wer neben wem seine Isomatte ausrollt, soll auf Listen dokumentiert werden.

69 Seiten Frühstücks-Leitfaden

Dem ganzen wird die Krone aufgesetzt durch einen „Leitfaden für die einfache und stressfreie Bewirtung Ihrer Gäste“. Auf 69 Seiten wird von der richtigen Portionierung, Anordnung der Käsescheiben bis zur Müllentsorgung das perfekte Frühstück erklärt – das zugegebenermaßen für mehrere Stunden Form und Laune beeinflussen kann. Zur Verfügung stehen soll es ab sechs Uhr, denn um acht Uhr starten die ersten Wettkämpfe.

Das Turnfest bringt übrigens auch solche auf die Beine, die mit Turnen und Leichtathletik eigentlich nichts am Hut haben. Beim im Dreischichtbetrieb organisierten Wachdienst hilft beispielsweise die Fußballabteilung der Sportfreunde Birkelbach, was den Verein an seine Grenzen treibt. Einige Helfer werden als Nachwuchstrainer auf dem Sportplatz fehlen oder machen die Nacht zum Samstag durch, obwohl sie am Sonntag ein wichtiges Spiel vor der Brust haben.

„Wenn wir noch jemanden gesondert für den Süßigkeiten-Verkauf abstellen, ist das Dorf leer“, scherzte Saßmannshausen, die sich bemühte, die Sorgen vor dem Berg an Vorschriften etwas zu mildern: „Wichtig ist, dass jeder die Arbeit sieht, die anfällt – und dann einfach erledigt.“ Ähnlich formuliert es Jutta Kaiser, Turnfestwartin beim TSV Aue-Wingeshausen. „Wir müssen gelassen bleiben und wir müssen keine Kriege führen“, erinnert sie daran, dass es in Notfällen noch einen zentralen Sicherheits- und Hilfsdienst gibt. Trotz allen Aufwands ist die Organisation Ehrensache für die heimischen Vereine. „Wir waren schließlich oft selbst bei Turnfesten zu Gast. Davon möchte wir nun etwas von zurückgeben“, so Erich Benfer, Oberturnwart beim TV Feudingen.

Cocktailparty am Freitagabend

Die meisten seiner Athleten bestreiten „nur“ einen Wettkampf, weil zeitlich nicht mehr drin ist. So macht es auch die Leistungsgruppe der Birkelbacher Turnerinnen, bei denen dann doch Vorfreude durchschimmerte. Gemeinsam mit Aue-Wingeshausen wollen sie am Freitagabend eine Cocktail-Party auf die Beine stellen. Und zumindest einen symbolischen Lohn gibt es für die Helfer – ein T-Shirt, das als Erinnerung einen Ehrenplatz im Kleiderschrank finden dürfte.