„Runderneuert wie alter Autoreifen“
08.02.2012 | 17:11 Uhr 2012-02-08T17:11:00+0100
Ergste. Heinrich Schäfer ist mit seinen 94 Jahren ein lebender Zeitzeuge für die SG Eintracht Ergste. Seit 80 Jahren ist er Mitglied in der Turnabteilung des Vereins. Allerdings hieß der Klub 1932 noch nicht SG Eintracht Ergste. Der schloss sich erst 1974 aus den drei Ergster Vereinen S.S.C.Ergste 1912, TV Grüne Eiche Bürenbruch 1896 und TG Ergste e.V. 1984 zusammen.
Der am 31. Januar 1918 geborene Schäfer trat mit 14 Jahren den Ergster Turnern bei. Zum Turnen sei er durch seinen fünf Jahre älteren Bruder Erich gekommen, erzählt er. „Erich war Kunstturner, und er hat mich, als ich sechs Jahre alt war, mitgenommen.“ So wurde seine Leidenschaft zum Turnen erweckt. Damals sei der Sport im Saal des Ergster Restaurants Hengstenberg ausgeübt worden. Schäfer erinnert sich an den vielen Staub im Saal des nicht mehr existierenden großen Ausflugslokals: „Wenn wir die Matten hochnahmen, breitete sich eine riesige Staubwolke aus.“
Das tat der Freude am Turnen aber keinen Abbruch. „Ich war auch mal kleiner Vorturner“, schmunzelt er. Von 1965 bis 1970 war er Übungsleiter bei den Kindern. Einige hätten Angst vor dem Sprung über das Pferd gehabt. „Da habe ich gesagt: Du musst dein Herz immer voraus werfen, dann klappt das schon.“ Und er habe recht behalten. „Es ist nie etwas passiert.“
1986 hat er mit dem Turnen aufgehört: „Da fing die Hüfte an zu Schmerzen.“ Er musste operiert werden und erzählt: „Ich bin runderneuert, wie ein alter Autoreifen.“ Heinrich Schäfer hat Humor. „Ich bin eine Frohnatur“, sagt er, obwohl er viele Schicksalsschläge hat hinnehmen müssen.
Der gelernte Bäcker erinnert sich gerne an seine aktiven Jahre als Turner. „Das war eine schöne Zeit, als wir noch turnen gingen“, und er meint die Jahre von 1932 bis zum 10. Oktober 1939, als er in den Zweiten Weltkrieg eingezogen wurde. Es folgten sechs Jahre beim Geschwader Richthofen. Er hat an vielen Fronten gekämpft („Ich war wie ein Zigeuner.“). Dann kam für ihn die schreckliche Zeit der russischen Kriegsgefangenschaft. Zuerst in Tschechien, da hat er für 6000 Gefangene gebacken, „wir mussten den Teig mit den Füßen kneten“. Nach der Tschechei wurde Schäfer nach Russland deportiert. Nach verschiedenen Lageraufenthalten sei er nach 15 Monaten entlassen worden.
„Nach dem Krieg war Schluss mit dem Backen.“ Bis zur Rente im Jahre 1977 fuhr er Schwerttransporte und blieb dem Turnen treu. Als Rentner stieg er viel aufs Fahrrad, doch das funktioniert heute nicht mehr: „Der ganze Kopf geht durcheinander.“ Doch nur beim Radfahren. Neben seinen vielen Lebenserinnerungen zitiert Heinrich Schäfer aus dem Stegreif Goethe oder Heine.
Heute spaziert er zweimal täglich durchs Dorf – „wenn es das Wetter erlaubt“ -, zur Unterstützung hat er seinen Rollator dabei. Nach dem Tod seiner Ehefrau lebt der rüstige Rentner allein. „Meine Nachbarin Heidi Brunnenberg versorgt mich auf vorsorgliche Weise mit warmen Essen zum Mittag.“ Die restliche Verpflegung besorgt er für sich selbst. Die Frage nach seinem Hobby beantwortet der sympathische Senior kurz und knapp: „Ich will nur noch Leben.“
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