Salti auf dem Zeitgeist

Julian Schuster
Julian Schuster
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Was wir bereits wissen
Bei den Ruhr-Games rücken auch eher unbekannte Sportarten in den Fokus. In Oberhausen findet neben Judo und Wakeboard beispielsweise die Trendsportart Parkour statt.

Über Fronleichnam feiern die Ruhr-Games im „Pott“ Premiere. An sieben Standorten soll der Sport „als wichtige gesellschaftliche Größe und Standortfaktor der Region weiter etabliert werden“. Dazu gibt es ein buntes Rahmenprogramm, sowohl beim Weltkulturerbe Zollverein, am Baldeneysee in Essen, am Schalke-Areal in Gelsenkirchen, dem Jahnstadion in Bottrop, im Naherholungsgebiet Gladbeck sowie im und am Centro und dem Kanal in Oberhausen.

Hier finden – vom 3. bis 6. Juni – Judo, Wakeboard und Parkour statt. Während sich Judo und Wakeboard – letzteres auch wegen der Anlage in Duisburg-Wedau – schon weit verbreitet haben, ist Parkour noch relativ unbekannt. Selbst wer meint es zu kennen, wird bei einer möglichen Definition so seine Probleme bekommen. Die Faszination einer Jugendkultur ist nun mal schwierig zu beschreiben.

Seinen Ursprung hat Parkour wohl durch den Franzosen Raymond Belle genommen. Im Vietnamkrieg entwickelte er eine Methode, um möglichst schnell Hinternisse zu überwinden und zu flüchten. Sein Sohn David Belle zog in den 80ern in einen Pariser Vorort. Dort begann er mit einigen Freunden erstmals so etwas wie eine Definition der Sportart Parkour aufzustellen. Außerdem folgte hier die Urbanisierung.

In den verarmten Banlieues in Frankreich sprach sich Parkour schnell herum. In den Vororten der Großstädte ist Arbeitslosigkeit und Korruption ein großes Problem, die Kriminalitätsrate dementsprechend hoch. Auch Rassismus ist dort an der Tagesordnung, die Polizei ist der große Feind. Parkour war hier oftmals weniger Sport, als viel mehr eine Fluchtmöglichkeit.

Mittlerweile – besonders durch zahlreiche Filme, beispielsweise „James Bond: Casino Royale“ oder diverse Musikvideos, stieg die Popularität der ungewöhnlichen Bewegung und damit auch die Zahl der Sportler.

Auch Sydnee Ingendorn, Trainer beim Kunstturn-Zweitligisten KTTO im TC69, kennt den Sport natürlich: „Für mich ist das genauso eine attraktive Trendsportart wie für viele Zuschauer, die nicht aus dem Turnbereich kommen.“ Als angehender Physiotherapeut hat er allerdings eine Einschränkung: „Ich finde es wichtig, dass eine gewisse turnerische Grundlage da ist. Das muss nicht in einem Turnverein sein, aber beispielsweise in speziellen Trainingsorten wie der Move Artisitic Dome in Köln, der von Ex-KTTO-Turner Alexander Pach betrieben wird.“

Parallelen zum Kunstturnen

Parallelen sind nämlich eindeutig vorhanden. Doch während beim Kunstturnen der Fokus deutlich mehr auf der Technik und Ausführung liegt, spielt beim Parkour das Überwinden und Befreien eine größere Rolle. „Das macht es dann teilweise auch ein wenig gefährlicher. Denn eine gewisse Körperbeherrschung ist absolut von Nöten. Ob man einen Salto nun auf einer Bodenfläche mit Federn oder von einem einen Meter hohen Block auf Beton macht, ist für den Salto erst einmal egal. Nur Fehler und Fehlbelastungen werden da sicherlich vom Körper weniger toleriert“, weiß er.

Daher ist Technik wichtig, Technik und ein vernünftiges Maß an Selbsteinschätzung. Und dennoch, der besondere Reiz am Parkour bleibt am Ende der, das der Sportler machen kann, was genau er will. Er muss keine bestimmten Figuren einstudieren, keine Salti oder Schrauben drehen. Hier stoßen verschiedene Philosophien aufeinander, denn letzteres ist intern oftmals sogar verpönt, schließlich lag der Ursprung ja auf der Simplizität, der schnellen Überwindung von Hindernissen.

Etwas, was im Zeitalter von neuen Medien sowieso allgegenwärtig ist. Sportler wie beispielsweise der 22-jährige Duisburger Marcel Parcharidis, Botschafter für Parkour bei der Ruhr-Games, betonen, dass sie aus der „ich-guck-nur-auf-mein-Handy-Welt“ ausbrechen und ihre Umgebung wahrnehmen. Und doch sind sie mitten im Zeitgeist einer Generation angekommen, die ihre scheinbar grenzenlose Freiheit austesten will. Ob durch das Internet, mobil auf jedem Smartphone, oder eben beim Turnen quer durch Innenstädte oder über Häuserdächer. Eine Generation lotet ihre Grenzen aus. Parkour ist eindeutig ein Salto auf dem Zeitgeist.