Die Entdeckung der Langsamkeit

Werner Kerkenbusch hat beim VfL Bergheide und im Laufsport genau das gefunden, was ihm wichtig ist:
Werner Kerkenbusch hat beim VfL Bergheide und im Laufsport genau das gefunden, was ihm wichtig ist:
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Was wir bereits wissen
Werner Kerkenbusch hat 125 Marathonläufe absolviert und ist noch lange nicht am Ziel. Damit es noch lange weiter geht, hat er einen einfachen Trick.

„Eigentlich sollte es nur einer werden“ – Werner Kerkenbusch wundert sich im Rückblick selbst ein wenig, was im Lauf der Geschichte von knapp 25 Jahren zusammen gekommen ist. 125 Marathonläufe hat der 67-jährige Ausdauerathlet des VfL Bergheide mittlerweile auf dem Buckel. Er gehört dem 100er-Marathonclub Deutschland an und sieht sich, bescheiden, wie er ist, doch nur als kleines Licht: „Manche laufen auch 100 im Jahr.“ Das verbietet ihm aber die Vernunft, sein Arzt übrigens auch. Kerkenbusch hat ein System gefunden, wie er mit zunehmendem Alter seinem Sport trotzdem mit Freude nachgehen kann: Die Entdeckung der Langsamkeit.

„Gut, dieses Jahr musste ich wegen Rückenschmerzen drei Monate passen. Da sagt mein Arzt natürlich, lass’ es sein.“ Aber Kerkenbusch macht an diesem verregneten Dezembertag im Stadion Sterkrade den Eindruck eines gesunden, topfitten und vorsichtigen Athleten. „Als es langsam immer mehr Läufe wurden und der 100. Marathonlauf in der Ferne Gestalt annahmen, habe ich nachgedacht, wie ich mein Training darauf abstimme.“ Das hat er getan: Es gibt keine Tempoeinheiten mehr, er läuft nur noch mit gut 90 Prozent seines Leistungsvermögen, Ultras gibt’s nicht mehr.

So haben sich die Zeiten von 3:12,12 Stunden (Bestzeit 1994 beim Baldeneysee-Marathon) im Laufe der Jahre an die nun aktuellen fünf Stunden plusminusnull heran gepirscht. „Das ist natürlich auch altersbedingt. Aber wer in jüngeren Jahren ständig versucht, die drei Stunden zu knacken, bekommt irgendwann die Rechnung. Das macht kaputt.“ Kerkenbusch mag zwar Rücken haben, Knie, Knorpel, Sprunggelenke funktionieren aber einwandfrei. „Langsam, langsam, es geht nicht mehr darum, Zeiten zu verbessern. Natur genießen und abschließen ist das Motto.“ Unterm Strich findet er zudem: „Ich jammere auf hohem Niveau.“

Nie der Sportlichste

Damit dies weiter so bleibt, müssen vier Paar Laufschuhe pro Jahr dran glauben. Der ehemalige Siemens-Mitarbeiter erinnert sich an die ersten Einheiten 1987: „Eigentlich war ich immer unsportlich. Ich hatte als Schüler nie eine Urkunde von Bundesjugendspielen. Und als Büromensch habe ich den ganzen Tag gesessen.“ Das änderte sich, als er seinen Sohn Dennis, damals acht Jahre, zum Leichtathletiktraining fuhr und nach einer Stunde wieder abholte. „Irgendwann dachte ich mir: Laufe die Stunde doch einfach mit.“ Daraus wurde aber schon bald mehr, er strich in Herbst und Winter allein durch den Wald, dann entdeckte er den Lauftreff des VfL Bergheide und dann ging es als Mitglied richtig los. Seine beiden Söhne Dennis (35) und Marcel (32) sind ebenfalls gut zu Fuß unterwegs, und dass Ehefrau Inge (61) auch gern läuft, macht die Sache natürlich leichter. Sie läuft nur nicht mit ihm, sondern jeweils die kürzeren Distanzen.

Denn als Kerkenbusch so richtig Blut geleckt hatte, lockte es ihn bald auch auf die extrem weiten Distanzen. 100 Kilometer im schweizerischen Biel oder andere Ultra-Veranstaltungen führten ihn in Grenzbereiche. Die verließ er aber bald wieder, als er merkte, was ihm wirklich wichtig ist. Das Gemeinschaftserlebnis, die Natur und die innere Stille, die sich auf dieser Distanz einstellen kann. So meidet er die großen (und teuren) Stadtmarathons und hangelt sich lieber an den kleinen Läufen durch die Jahreszeiten.

Günstig, gut und grün

Gut, der Rhein-Ruhr-Marathon ist mit 15 Wiederholungen gewissermaßen seine Hausstrecke. Doch viel häufiger findet man Orte wie Kevelaer, Sonsbeck, Bottrop oder Wilhelmshaven in seiner Vita. Pusemuckel, aber günstig, gut und grün.

Wobei er sich mit seiner Familie natürlich Höhepunkte gegönnt hat: 2005 etwa den Athen-Klassik-Marathon auf der Originalstrecke von Marathon nach Athen. Läufe in Zypern, Malta, Schweiz und Italien kamen hinzu. Aber lieber sagt er: Kerkenbusch, bleib’ bei deinen Leisten. Als er 2007 begann, Marathonläufe systematisch zu sammeln mit bis zu 15 Einsätzen pro Jahr, waren die kleinen in der Umgebung logistisch einfacher zu bewerkstelligen.

Fünf-, sechsmal die Woche geht es für ihn auf die Piste. Mal mit der Laufgruppe des VfL Bergheide auf kurze Stadionrunde und dann in den Wald. Dazwischen ist er mit seinen Freunden Reinhard Schlutius und Helmut Benninghoff an der Grafenmühle im Wald zu finden. „Dienstags mache ich frei“, sagt er ernst, wobei ihm doch der Schalk im Nacken sitz. Denn neben lesen und Filme schauen hat er noch ein Hobby für den Dienstag: Für ein Marathonmagazin schreiben und die nächste Zukunft planen. „Ich schaue mir den Marathon-Kalender natürlich genau an und richte daran meine weiteren Läufe aus. „Wenn ich so zwölf im Jahr schaffe, bin ich mit 70 Jahren locker bei 150 Läufen.“

Werner Kerkenbusch weiß, dass sich das ein bisschen schnurrig anhört: „Es ist schon erstaunlich, wie ein Hobby auf einmal ein Leben bestimmt. Es hat sich einfach so entwickelt.“