Die Diagonale der Verrückten

Günter Sadowski beim Zieleinlauf beim Ultratrail „Le Grand Raid“ auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean.
Günter Sadowski beim Zieleinlauf beim Ultratrail „Le Grand Raid“ auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean.
Foto: privat
Was wir bereits wissen
Der Oberhausener Günter Sadowski durchquerte in 53 Stunden die steilste Insel der Welt. Beim „Le Grand Raid“ startete er bereits zum vierten Mal.

„Die sind ja verrückt!“ Das hört Günter Sadowski öfter, wenn er von seinem Sport erzählt. Und das muss er sich gefallen lassen, denn hier ist das „verrückt“ doppel­deutig. Der Oberhausener ist Extremsportler und nahm noch im Oktober beim „Le Grand Raid“ auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean teil. Schon zum vierten Mal trat der 57-Jährige dort an und bewältigte „Die Diagonale der Verrückten“, wie der 172 Kilometer lange Lauf mit knapp 10 000 Metern Höhendifferenz übersetzt genannt wird.

Aber wie kommt man zu einem so außergewöhnlichen Hobby? Der Ultratrail-Athlet lebt sozusagen Sport. Mit elf Jahren spielte er Fußball in Lirich, seiner Heimat. Als Seni­or trat er in Mülheim in der höchsten Amateurklasse vor den Ball – und beschloss Ende der 80er-Jahre, sich Neues zu suchen. „Da wurde mehr gequatscht als gespielt. Am Tresen wurden alle Spiele nachbearbeitet und oft wurden schwächere Spieler unschön kritisiert.“

Aus dem verhinderten Fußballer wird ein begnadeter Läufer. Es beginnt mit Läu­fen vor der Haustür, die OTV-Meile wird ausprobiert, erste Marathons ge­startet. Großen Anteil an seinem Werdegang hat Udo Horvath, 20 lange Jahre betrieben sie gemeinsam Sport. „Eisen-Udo“ wurde er genannt, Oberhausener Triathlet, Teilnehmer beim „Iron-Man“ auf Hawaii. „Er hat mich zum Triathlon gebracht. 1998 waren wir gemeinsam bei der Duathlon-WM in Zofingen in der Schweiz, da war Udo 52 Jahre! 8,5 Kilometer Laufen, 150 Kilometer Rad fahren mit 1500 Höhenmetern und noch mal 30 Kilometer Laufen mit 1000 Höhenmetern.“

Geschwommen ist Sadowski schon immer und Rad gefahren auch viel. Gelaufen sowieso. „Irgendwann habe ich dann gedacht: Was du hier in den Wäldern bei halber Luft in den Reifen mit dem Mountainbike machst, kannst du auch die 180 Kilometer in Roth mit dem Rennrad auf der Straße fahren!“ Und kurzerhand meldet Sadowski sich an zur Ironman Challenge Roth, wo er nach 11:50 Std. in einem Teilnehmerfeld von 1864 Startern auf Anhieb auf Rang 1240 landet. Organisiert hat er sich und den Start komplett alleine, ohne eine helfende Hand, weder beim Training noch beim Wettkampf.

„Dann habe ich mal ganz was Verrücktes probiert. Ich habe mich angemel­det zum ‚Swiss-Jura-Marathon‘ auf dem Höhenweg von Genf bis Basel“, erzählt er. Das war 2004. Der „Swiss-Jura-Marathon“ war bis 2010 Europas längster Berglauf. Ein Etappenlauf, sieben Tage lang jeweils etwa 50 Kilometer über schwieriges Gelände. Auf einer Länge von 350 Kilometern müssen 11 000 Höhenmeter bewältigt werden.

Es regnet viel in dieser Zeit, aber Sadowski schafft es. Er hat den Sport jenseits von Zeitmessung für sich entdeckt, die Nähe zur Natur ist ihm wichtiger. Ein weiterer Höhepunkt ist der „Ultra-Trail du Mont-Blanc.“ Der zählt mit 155 Kilometern, knapp 9000 Höhenmetern und einem Zeitlimit von 46 Stunden zu den anspruchsvollsten Berg­marathons weltweit. Auch den schafft der Athlet, er bleibt knapp unter dem Limit.

Drei Läufe werden angeboten

2007 wagt er dann zum ersten Mal den Ultratrail auf La Réunion, der Trauminsel zwi­schen Madagaskar und Mauritius, eine Pilgerstätte der Ultratrail-Spezialisten. Schon vorher sind Hürden zu überwinden: Für die Diagonale der Verrückten sind 2600 Startplätze vorgesehen, davon werden 940 Plätze an Franzosen, 1560 an Starter von der Insel und nur etwa 100 an Ausländer vergeben. Nach einem Punktesystem muss der Bewerber eine Qualifikation nachweisen und einige Wochen vor dem Start ein ärztliches Attest vorlegen.

Mit Gänseblümchen beworfen

Günter Sadowski bekommt eine Starterlaubnis und erinnert sich an ein Erlebnis, das sein Durchhaltevermögen weiter verstärkt hat. Als er Zweifel hat, noch auf dem richtigen Weg zu sein, kommt ihm auf einem Abstieg ein kleines Mädchen in Flip-Flops entge­gen, kehrt mit ihm um und begleitet ihn in den nächsten Ort. Dort warten bereits einheimische Freundinnen auf die beiden und begrüßen ihn, indem sie ihn mit Gänseblümchen bewerfen. „Das hat mich besonders motiviert, das hat einen Kick gegeben und ich habe gedacht, das ziehst du jetzt durch!“ Gesagt, getan.

Der Oberhausener wurde Fan des Abenteuers auf La Réunion und startete nun schon zum vierten Male auf der Diagonale der Verrückten. 53 Stunden brauchte er diesmal für das Durchlaufen sämtlicher Klimazonen, durch Vulkanebenen und Urwald. Damit blieb er sagenhafte zwölf Stunden unter dem Limit. Start war an einem Donnerstag um 22.30 Uhr, am Sonntag­morgen um 3.30 Uhr beendete Sadowski den Lauf. 1147 Läufer erreichten das Ziel, nicht einmal die Hälfte der Gestarteten.

Mit Hund Eddy unterwegs

Die Zusage von der Insel kam im Februar, reichte da die Zeit zur Vorbereitung? „Ich bin immer bereit. Ich könnte morgen los und es wieder versuchen“, so Sadowski. Einen speziellen Trainingsplan gibt es nicht. Das Training wird „einfach in den Alltag einge­baut.“ Wenn er morgens in seinem Büro im Sterkrader Rathaus sitzt, ist er bereits seine Strecken gelaufen, es kommen 12 bis 18 Kilometer pro Woche zusammen, immer mit seinem Hund Eddy. Der Australian Shepherd begleitet ihn auch beim Rad fahren. Für dieses morgendliche Training stehen die beiden vor fünf Uhr auf. Selbstverständlich ist das Rad auch das Fortbewegungs­­mittel zum Arbeitsplatz. Am Wochenende ist ebenfalls Radfahren angesagt, vor Trail-Wettbewerben bietet die Haniel-Halde gute Trainingsmöglichkeiten zu Fuß und mit dem Rad.

Seine Frau Bärbel unterstützt ihn, wo immer sie kann. Auch sie ist Läuferin, hat sich jetzt mit Tochter Julia zum Zugspitzlauf angemeldet. Die anderen drei Kinder sind weniger sportbegeistert, fin­den aber die Aktivitäten des Vaters gut. „Früher haben sie die Augen verdreht, aber mittlerweile geben sie schon mal an mit dem Vater“, schmunzelt Sadowski.

Seine Frau war es auch, die für einen echten Höhepunkt sorgte: Bei einem Wettbewerb überraschte sie ihren Mann, in dem sie ihm auf dem letzten Teilstück entgegenkam und gemeinsam mit ihm ins Ziel lief.

Auch nach La Réunion flogen sie zu zweit, wo sie bei Einheimischen wohnten. Die Besonderheit von „Le Grand Raid“ ist auch der große Stellenwert des Naturschutzes. So muss etwa jeder Teilnehmer seinen eigenen Trinkbecher mitneh­men. Gegessen werden darf ausschließlich an den Verpflegungsstationen und die Teilnahmebedingungen sehen harte Strafen gegen Umweltverschmutzer vor, es wird wachsam kontrolliert.

Das ist wichtig für Günter Sadowski, genau wie ihm Kameradschaft und Miteinander viel bedeuten, die gelaufenen Zeiten sind eher unwichtig. Dennoch bemüht er sich, bei den Läufen rechtzeitig ins Ziel zu kommen. Im Sommer nahm er einen Freund mit nach Gran Canaria, wo dieser seinen ersten Ultratrail laufen wollte. Bei einem Abstieg zerrt sich der Neu­ling die Oberschenkelmuskulatur und sie kommen nur noch schleppend voran. Ehrensache für Sadowski, trotzdem gemeinsam weiter zu laufen. Am letzten Kontroll­punkt müssen sie ihre Startkarten abgeben, weil sie das Zeitlimit um eine knappe Viertelstunde überschritten haben, sie fliegen aus der Wertung. Im Ziel sind sie wieder innerhalb der erlaubten Zeitgrenze, erhalten sogar ein Shirt für die erfolgreiche Teilnahme, tau­chen aber nicht in den Ergebnislisten auf. Egal.

Durch diesen Freund kam er zum OTV, obwohl er als Individual-Athlet nie einem Verein angehören wollte. „Ich habe in Bocholt bei einem Wettbewerb zugeschaut und mitbekommen, wie Robert Kempf, der das Endurance Team des OTV ins Leben gerufen hat, mit seinen Kollegen umgegangen ist. Das hat mich beeindruckt. Da war nichts zu spüren von Druck auf die Athleten. Der Spaß am Sport war offensichtlich, das Miteinander zählt. Die schnelleren Sportler waren genauso Teammitglied wie die langsamsten. Für jeden hatte er ein aufmunterndes Wort. Er bewegt unglaublich viel. Und was er für Ideen hat! Vielleicht machen wir mal was gemeinsam.“

Bleibt abzuwarten, wo Günter Sadowski noch starten wird. Klar ist, dass er sich auch im nächsten Jahr wieder für die Diagonale der Verrückten bewerben wird. Seine Augen leuchten, wenn er davon spricht, vielleicht denkt er an das unbeschreibliche Gefühl, im Ziel anzukommen, nach so vielen Stunden, die dem Körper alles abverlangen. Entschädigt durch die Berührung mit der vielfäl­tigen Natur, die Begeisterung der Inselbewohner, die Volksfeststimmung dort und beeindruckt von den unzähligen Helfern an den Strecken und Verpflegungsposten. Zufrieden mit sich und der Welt.