Nachwuchssorgen bei den Mülheimer Schiedsrichtern

„Ich habe doch nichts gemacht!“ – die Schiedsrichterin hat es anders gesehen.
„Ich habe doch nichts gemacht!“ – die Schiedsrichterin hat es anders gesehen.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Eine Schiedsrichterin oder ein Schiedsrichter hat es nicht leicht auf dem Fußballplatz. Doch vielen Sportbegeisterten macht dieser „Job“ auch eine Menge Spaß. Am Samstag beginnt in Duisburg ein Kurs für Neueinsteiger. Dieser könnte die Nachwuchssorgen etwas lindern.

Auf ihrer Internetseite haben sich die Verantwortlichen des Fußballkreises neun (Mülheim, Duisburg, Dinslaken) im vergangenen Herbst mit einem dringenden Aufruf an Vereine und Öffentlichkeit gewandt: Es bestehe ein „eklatanter Mangel“ an geeignetem Schiedsrichternachwuchs! Die personelle Situation sei prekär und gefährde massiv die Besetzung aller Spiele an den Wochenenden.

An diesem Samstag beginnt nun die jährliche Ausbildungsrunde für neue Schiedsrichter. Verbessert sich dadurch die Situation? Angemeldet haben sich im gesamten Kreis bisher 70 Teilnehmer, 16 davon aus Mülheim. Zu den besten Zeiten nahmen an dem Lehrgang bis zu 120 Schiedsrichter-Anwärter teil.

Nicht alle Partien werden besetzt

Wolfgang Müller, als Obmann im Kreis für Mülheim zuständig, ist mit den Anmeldezahlen dennoch bisher ganz zufrieden. „Die Altersmischung ist dieses Mal sehr gut“, sagt Müller. Die jüngsten Teilnehmer sind 14, der älteste 36 Jahre alt. Außerdem sind zwei Männer dabei, die bereits vor einigen Jahren als Unparteiische auf dem Platz standen und wieder dorthin zurückkehren möchten.

Generell ist es nicht das Problem, genügend Interessenten für die Lehrgänge zu finden. „Schwieriger ist es, die Leute danach zu halten“, meint Müller. „Die meisten sind nach zwei Jahren nicht mehr dabei.“ Kein neues Phänomen: Müller selbst hat seine Ausbildung vor zwanzig Jahren absolviert, aus seinem Jahrgang ist er mittlerweile der Einzige, der an den Wochenenden Spiele leitet.

Insgesamt ist die Zahl der Schiedsrichter in den vergangenen Jahren in Mülheim aber unverkennbar zurückgegangen. „Vor einigen Jahren war wir bei weit über 100“, sagt Müller, derzeit zählt er 70 Aktive. Die Folge: Es können längst nicht mehr alle Partien besetzt werden. Weil laut Regularien nur in der untersten Klasse auf ausgebildete Referees überhaupt verzichtet werden darf, leiden vor allem die Vereine in der Kreisliga C. „Es gab in der Hinrunde ein Wochenende, an dem sechs Begegnungen nicht besetzt waren.“ Zur Pfeife greift dann in der Regel ein Betreuer der Gastmannschaft. Auch bei den Nachwuchsfußballern hat sich die Situation verschlechtert. Wurden bis vor einigen Jahren die Spiele bis zur E-Jugend mit offiziellen Unparteiischen bedacht, fängt dies aus Personalmangel nun erst bei den D-Junioren an.

Was sind die Gründe dafür? Auf der einen Seite haben sich die Interessen in der Freizeit bei Jugendlichen verändert, sagt Müller. „Heute spielt eben nicht mehr nahezu jeder Fußball, es gibt genügend andere Möglichkeiten für Hobbys. Auf der anderen Seite hätten Aggressionen und Gewalt auf und neben den Fußballplätzen zugenommen. „Wenn man als junger Schiedsrichter in seinen ersten Spielen ständig angebrüllt wird, ist man ziemlich schnell wieder weg.“ Zwar hat es aus Sicht von Müller schon immer Sprüche gegen den Unparteiischen gegeben, die Hemmschwelle sei heutzutage allerdings deutlich gesunken. Das gilt nicht nur für die Spieler, auch Zuschauer oder im Übermaß ambitionierte Väter bei Jugendspielen seien in manchen Fällen voll von Aggressionen, die sich allzu oft gegen die Referees richten, meint der Obmann.

Freikarten für Bundesligaspiele

Trotz solch unschöner Situationen gibt es einige Anreize, die insbesondere Jugendliche zu einer Ausbildung motivieren könnten – abgesehen von der recht überschaubaren Aufwandsentschädigung pro Spiel. So stellt jeder Bundesligist bei seinen Heimspielen 150 Karten für Schiedsrichter zur Verfügung oder talentierte Nachwuchskräfte bekommen die Chance, sich bei Lehrgängen weiterzubilden. Mit der Aussicht, später ein Mal in höheren Klassen zu pfeifen. Zwei aktuelle Beispiele in Mülheim sind Kevin Domnick und Sebastian Lattberg, die regelmäßig Oberligaspiele leiten. Obmann Müller hat jedenfalls die Hoffnung noch nicht aufgegeben und ist „vorsichtig optimistisch“, dass sich die Personalstärke der Schiedsrichter im Kreis neun wieder verbessert.