Nach 239 Kilometern Sieg mit sieben Stunden Vorsprung

Gemeinsam im Ziel: Kristina Tille und Eckhardt Seher.
Gemeinsam im Ziel: Kristina Tille und Eckhardt Seher.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Durch die schönsten Landschaften im Herzen Bayerns führt der Jurasteig über eine Länge von rund 240 Kilometern.

Dietfurt/Attendorn..  In 13 maßgeschneiderten Etappen führt der Rundweg über die Höhen und Täler von Donau, Altmühl, Weißer und Schwarzer Laber, Lauterach, Vils und Naab. Warum aber 13 Etappen wählen, wenn man diese Mittelgebirgsrunde auch nonstop zu Fuß bewältigen kann?

Dies fragten sich 107 Ultraläufer aus 10 verschiedenen Nationen. Am letzten Freitag trafen sie sich zur gemeinsamen Herausforderung auf dem Marktplatz von Dietfurt, um innerhalb eines Zeitlimits von 54 Stunden die Gesamtdistanz zu bewältigen.

Unvorstellbare Distanz

Auch zwei Attendorner Läufer stürzten sich optimistisch in das Abenteuer. Rolf Kaufmann und Kristina Tille nahmen teil am „Junut“, dem Jurasteig-Nonstop-Ultratrail. Die unvorstellbar lange Distanz, die ohne Schlaf und nur mit wenigen Versorgungspausen durchgezogen wird, hielt auch nicht nur knapp 8000 positive Höhenmeter parat, sondern bot auch noch technisch höchst schwierige Wegeverhältnisse. Die Stürme des Frühjahrs hatten die Wander- und Kletterwege in teilweiseunwegsame Strecken verwandelt. Riesige Bäume lagen immer wieder quer. Geröll und Spurrinnen gewaltiger Forstfahrzeuge machten viele Abschnitte unlaufbar. Genau dies möchte jedoch der typische Trailläufer.

Er ist nicht interessiert an Zeiten und Geschwindigkeiten. Vielmehr steht bei diesen Veranstaltungen das gemeinsame Erleben im Vordergrund. Während des Laufes tragen die Läufer einen Rucksack mit entsprechender Pflichtausrüstung bei sich. Wasser, kalorienreiche Nahrung, Wärmedecke, Verbandsmaterial, Ersatzsachen, Stirnlampen und Batterien sind Teil dessen. Unerlässlich ist auch ein Navigationsgerät, um den vorgeschriebenen Weg zu finden. Gerade des Nachts, wenn unweigerlich die Müdigkeit zuschlägt, ist es von Vorteil, mindestens einen Laufpartner gefunden zu haben.

Zwei Tage und Nächte ohne Schlaf

Bei diesem Rennen verbrachten die Sportler zwei Tage und zwei Nächte ohne Schlaf, nonstop unterwegs auf dem Jurasteig.

Rolf Kaufmann schlug sich allein durch die zweite Nacht. Kristina Tille hatte Glück, den Berliner Eckhard Seher fast über die Gesamtstrecke von 240 Kilometern an ihrer Seite zu wissen. Solch Verbindungen ergeben sich spontan und sind arg wertvoll für die Läufer. Wegfindung, Motivation, Überwindung von Müdigkeit, gemeinsames Jammern und Lachen, auch Stehenbleiben, um Sonnen- und Mondaufgänge zu genießen, machen das Erleben zum Genuss.

Rolf Kaufmann erreichte das Ziel nach 41 Stunden und 20 Minuten und erreichte damit den neunten Platz der Gesamtwertung. Kristina Tille konnte mit 41 Stunden und 2 Minuten den siebten Platz der Gesamtwertung und souverän den ersten Platz in der Damenwertung sichern. Unglaubliche sieben Stunden Vorsprung hatte sie damit vor der zweiten Frau.

33 vo n 107 Startern erreichen Ziel

Insgesamt konnten 33 der 107 Starter das Ziel in Dietfurt nach 239 Kilometern erreichen. 35 Läufer mussten vorzeitig aufgeben und 38 Sportler nahmen die Gelegenheit wahr, nach 170 Kilometer offiziell das Rennen zu beenden.

Vor dem Start und nach dem Ziel musste sich Kristina Tille mehrfach den typischen Fragen von Reportern diverser Radio- und Fernsehsender stellen. Hier taucht immer wieder die typische Frage auf: „Warum tun Sie das?“

Die Attendorner Läuferin hat darauf keine kurze prägnante Antwort. Zu komplex und zu emotional ist die Bandbreite der Gründe, sich solch „Qual“ rechtfertigt. Es ist nicht nur der Genuss der Landschaft, die oft von Ultraläufern angebracht wird; da sind sich Rolf Kaufmann und Kristina Tille einig. Trotz schmerzender Muskeln, unbändiger Müdigkeit, mühseligem Erklimmen rauer Klettersteige ziehen die Sportler bis ins Ziel. Nur, wer riskiert zu weit zu gehen, kann überhaupt herausfinden, wie weit er gehen kann.

Für Läufer auf der Ultrastrecke scheint es ein großes Stück positiver Lebensintensität zu sein. Für Kaufmann und Tille ist nicht wichtig gewesen, eine vorzeigbare Platzierung zu erreichen, sondern sie freuten sich darauf, Freunde zu treffen, mit denen sie ihre Leidenschaft teilen können. Dennoch – während der langen Zeit des Laufens und auch Leidens verfluchen sich die Läufer alle regelmäßig selbst ob ihres Hobbys.

Spätestens abernach dem „Ziel-Bier“ überdenken die Extremsportler nochmals ihre Emotionen und kommen zu Schluss, dass sie es doch wieder tun werden. Warum auch immer. Kristina Tille formuliert es nach ihrem Zieleinlauf so: „Während des Rennens ist es Qual und Leid und im Ziel ist es plötzlich Glück.“