Kristina Tille hängt über 171 Kilometer das Männerfeld ab

Kristina Tille mit dem Sieger der Männerklasse, Christoph Jantur.
Kristina Tille mit dem Sieger der Männerklasse, Christoph Jantur.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Ganz NRW, vor allem das für höhere Temperaturen bekannte Köln, stöhnte über Hitze jenseits der 40 Grad-Grenze. Selbst die sonst so zahlreich bevölkerten Wiesen und Parks in und um Köln wirkten wie ausgestorben.

Attendorn/Köln..  Doch waren da Sportler mit weißen Kappen, Trinkrucksäcken und Navigationsgeräten im Laufschritt auf den grünen Wegen Kölns: Teilnehmer des Ultralaufes über 171 Kilometer, die nonstop über den Kölnpfad zu laufen sind.

Starten darf nur, wer nachweisen kann, schon bei mindestens drei Läufen über 100 Kilometer das Ziel erreicht zu haben.

Die Physiotherapeutin Kristina Tille vom TV Attendorn startete gemeinsam mit 59 anderen waghalsigen Extremsportlern zu diesem hitzigen Abenteuer. Da unter den Ultraläufern ein regelrecht familiäres Klima herrscht und die Freude des Wiedersehens jeweils groß ist, gab es auf den ersten Kilometern viel zu erzählen.

Dies führte hier jedoch dazu, dass keiner mehr auf die Navigationsgeräte achtete und sich Kristina Tille und zwei weitere Läufer um ärgerliche zusätzliche drei Kilometer verliefen.

Große Aufholjagd

Nun galt es, das Feld von hinten wieder aufzurollen. Ab Kilometer 45 des Rennens konnten Kristina Tille und Susanne Beisenherz das Läuferfeld mit nicht unerheblichem Vorsprung anführen. Susanne Beisenherz ist eine erfahrene Wüstenläuferin und mehrfache Weltmeisterin im Zwei-, Drei- und auch Zehnfach-Ironman-Triathlon.

Mit entsprechendem Respekt lief Kristina Tille eher verhalten und legte mehrfach Gehpausen ein. Die Hitze des Tages ließ sämtliche Körperregularien teilweise paradox reagieren. Jede Gelegenheit der Abkühlung musste genutzt werden. So legte sich die 41-Jährige bauchwärts in den Rhein, folgte den Runden der Rasensprenger im Rhein-Energie-Stadion oder ließ sich von Einheimischen grünes Teichwasser über den Kopf kippen. Zusätzlich zu den Zufallserfrischungen gab es durch den Veranstalter vier offizielle Verpflegungsstellen.

Kurz vor dem dritten Verpflegungs- und Kontrollpunkt spürte Kristina Tille trotz der enormen Hitze ein leichtes Frieren und legte bei Kilometer 103 eine halbstündige Pause ein. Melone, Salz, Eiweiß und Cola brachten ihren Kreislauf wieder ins Lot. Susanne Beisenherz hatte die Führung übernommen.

Nun folgten noch lange zermürbende, einsame Feldwege ohne jeglichen Schatten, manch kleine Orientierungsschwierigkeit und das ständige in sich Hineinhören, um eine Überlastung, die zum vorzeitigen Ausscheiden führen kann, zu vermeiden. Gegen 22 Uhr entschied sich Kristina auf einem Parkplatz eines Autohauses für eine 20-minütige Schlafpause. Nach dieser Erholung ging es in die Nacht und somit in den dunklen Wald des Kölner Königsforstes.

Mit Wildschwein, Fuchs und Reh

Zwischenzeitlich hatte sie erfahren, dass Susanne Beissenherz bei Kilometer 115 ausgeschieden war. Bis zum Morgengrauen sollte sich Kristina Tille mit ihrer Stirnlampe, nur mit Wildschwein, Fuchs und Reh den Weg bis zum Ziel erkämpfen. 15 Kilometer vor dem Ziel erlebte sie eine herzerfrischende Überraschung. Um 2.30 Uhr am Morgen war inmitten des Waldes eine Straße aus Teelichten aufgebaut und ein einzelner Herr jubelte ihr entgegen: „Den Kölnpfad gewinnt eine Frau“.

Er drückte ihr ein eiskalt gefrorenes Handtuch in die Hand, was die Läuferin vom TV Attendorn dankend annahm. Der nächtliche Wald bot ja noch immer schwüle 33 Grad.

Kristina Tille überquert am frühen Morgen nach 23 Stunden und 25 Minuten als Gesamtsiegerin die Ziellinie. Bis der erste männliche Teilnehmer des Ultralaufes ankam, verging mehr als eine weitere Stunde. Christoph Jantur war nach 24 Stunden und 28 Minuten im Ziel.

Von insgesamt 60 Starten erreichten letztendlich die Sauerländerin Kristina Tille und nach ihr noch 15 Männer das Ziel. Auf die Frage, warum sie alle Männer abhängen konnte hat sie nur eine Erklärung: das „Hoch“, was uns das Wetter bescherte hatte den Namen „Annelie“. Dies ist ihr zweiter Vorname, den zwar keiner kennt, von dem sie aber wusste, er würde ihr Glück bringen.