Boris Becker: Einer, der dem Tennis heute fehlt

„Talsohle durchschritten“: Reinhard Thiedemann.
„Talsohle durchschritten“: Reinhard Thiedemann.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
An diesem Dienstag vor 30 Jahren, am 7. Juli 1985, nahm der Tennis-Boom in Deutschland Fahrt auf. Mit dem Sieg Boris Beckers beim Wimbledon-Turnier schossen auch im Kreis Olpe die Tennisplätze aus dem Boden und Sportbegeisterte rannten den Vereinen die Klubhäuser ein.

Kreis Olpe..  In einer Zeit, die von deutschen Tennisgrößen wie Becker, Steffi Graf und Michael Stich geprägt war. Nachhaltig halten konnte sich der Boom allerdings nicht und schon nach wenigen Jahren ebbte die Euphorie ab. Wie ist das zu erklären? Reinhard Thiedemann, langjähriger Tennisspieler und Trainer sowie Mitglied des Vorstandes des Kreisjugendausschusses Olpe, nimmt dabei vor allem die Tennisvereine der Region in die Pflicht.

„Die Talsohle ist durchschritten“, sagt Thiedemann bezüglich der Entwicklungen des Tennissports auf lokaler Ebene in den vergangenen 30 Jahren: „Wir sind zwar noch immer auf einem niedrigen Niveau, aber man darf die heutige Zeit auch nicht mit der euphorischen Zeit von früher vergleichen.“

Die frühere Zeit, in der Vereinsmitglieder teilweise stundenlang auf einen freien Platz auf den Tennisanlagen warten mussten. „Es gab sogar Wartelisten, die waren von morgens bis abends voll“, erinnert sich Thiedemann zurück.

Wie viele, hatte auch den Vorsitzenden des Gemeindesportverbandes Kirchhundem das Tennisfieber gepackt: „Becker, Graf und Stich waren echte Galionsfiguren, mit denen sich jeder identifizieren konnte. Vor allem die jungen Tennisbegeisterten wollten sein wie Becker.“

Der damals 17-Jährige polarisierte, war ein Typ. Genau das, was dem deutschen Tennissport heutzutage fehle, so Thiedemann: „Am ehesten kann da noch ein Tommy Haas mithalten.“ Der 37-Jährige wird seine Karriere allerdings bald beenden. Und die Zukunft sieht alles andere als rosig aus. „Für die Jugendlichen ist Fußball einfach der Sport Nummer eins. Danach kommt erst mal lange nichts“, sagt Thiedemann.

Deshalb sei es auch so schwer, neuen Nachwuchs zu begeistern: „Die Jahrgänge werden dünner. Da bringt die größte Präsenz nichts.“ Präsenz, die nicht nur lokal immer mehr vernachlässigt wurde. Während die Fußball-Großereignisse von den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern übertragen werden, gibt es Wimbledon nur im Bezahlfernsehen zu schauen.

Die Begeisterung müsse sich allerdings auch bei den Tennisvereinen vor Ort niederschlagen: „Die Vorstände wussten nicht, wie sie mit den neuen, jungen Mitgliedern, die durch den Boom kamen, umgehen sollten. Da gab es mitunter eine total falsche Schwerpunktsetzung.“ Statt die neuen Mitglieder zu halten, wurde versucht, immer noch mehr für sich zu gewinnen. Dazu kam noch ein zweites Problem: „Bestimmte Vereine haben immer wieder vor allem junge Spieler von kleineren Vereinen abgeworben. So haben sie die Strukturen kaputt gemacht.“

Seit Jahren kämpfen Vereine mit diesem Problem. An Akteuren mangelt es den Vereinen nicht, doch sind diese meist im Herren- oder Altherren-Bereich vorzufinden. Von einem Boom kann anhand dieser Zahlen schon lange nicht mehr gesprochen werden. Lösungen zu finden, gestaltet sich schwierig: „Es muss gelingen, die Situation einigermaßen zu stabilisieren. Denn leider ist es nicht möglich, die versäumte Nachwuchsarbeit nachzuholen.“ Gerade deshalb appelliert Thiedemann an die Vereine und sportbegeisterte Jugendliche: „Tennis ist ein so schöner Sport. Es muss das Ziel sein, Tennis als Individualsport zu etablieren.“