Studie: Problemkind heißt Ehrenamt

Am besten lässt sich die Leistung der grauen Zellen steigern, wenn Bewegung mit Denksportaufgaben kombiniert wird.
Am besten lässt sich die Leistung der grauen Zellen steigern, wenn Bewegung mit Denksportaufgaben kombiniert wird.
Foto: Gluco Selene

Geldern..  Die gute Nachricht zuerst: „Geldern ist eine Sportstadt und in mancher Hinsicht ein Leuchtturm“, sagte Lutz Stermann, Vorsitzender des Kreissportbundes Kleve, als er jetzt die Ergebnisse der Bürgerbefragung rund um den Sport vorstellte. Die Organisation hatte im vergangenen Jahr in Zusammenarbeit mit dem städtischen Amt für Jugend, Schule und Sport 3500 Fragebögen an zufällig ausgewählte Bürger ab 17 Jahren geschickt. 501 ausgefüllte Formulare kamen zurück, die KSB-Mitarbeiter Christoph Kirstein ausgewertet hat.

Auf die Frage „Treiben Sie Sport ?“ antworteten 394 Männer und Frauen mit Ja – eine beachtliche Quote. Sobald die Stadt Geldern grünes Licht gegeben hat, werden die Ergebnisse der Studie dem Landessportbund vorgelegt. Das Pilotprojekt soll anschließend in ganz NRW Schule machen. Die Tendenzen sind eindeutig: Immer mehr Menschen sind noch bis ins hohe Alter aktiv; hingegen schwindet das Interesse an einer Vereinsmitgliedschaft und am ehrenamtlichen Engagement rapide. Die wichtigsten Erkenntnisse und Problemstellungen im Überblick:

In Sachen Ehrenamt fällt das Ergebnis der Studie geradezu alarmierend aus. 75 Prozent der Befragten bekannten freimütig, sich in ihrer Freizeit nicht für den Sport zu engagieren. Der Rest machte sein Kreuzchen in der Regel hinter dem Stichpunkt „gelegentliche Hilfe bei Festen“.

Heißt konkret: Ein- oder zweimal im Jahr Kuchenverkauf in der Caféteria geht gerade noch. Vorstandsarbeit oder Betreuer-Tätigkeit: Nein, danke. „Auch das ,Taxi Mama’ fährt schon lange nicht mehr in dem Ausmaß, wie es eigentlich erforderlich wäre, um Kinder und Jugendliche zu Veranstaltungen zu bringen“, mahnte Stermann.

Um das riesige Problem in den Griff zu bekommen, möchte der KSB-Vorsitzende im Kreisgebiet das „holländische Modell“ einführen. Das funktioniert so: Wer sein Kind in einem Sportverein anmeldet, muss seinen Beruf angeben. Der Handwerker übernimmt Reparaturarbeiten im Vereinsheim, der Betriebswirt kümmert sich um die Finanzen. Stermann: „Das funktioniert in unserem Nachbarland ausgezeichnet.“

Joggen, Radfahren, Schwimmen – das lässt sich prima auch im Alleingang machen. Der Trend geht zur Vereinzelung – die Hälfte der Gelderner Bürger gab an, Sport entweder ganz individuell (40 Prozent) oder mit Freunden und Familienmitgliedern (zehn Prozent) zu treiben. Nur 25 Prozent der Befragten sind in einem Verein aktiv. Dieser gleichfalls alarmierende Trend ist aber offensichtlich noch nicht bei den Betroffenen angekommen. Der Kreissportbund und die Stadtverwaltung hatten spezielle Fragebögen an die 47 Sportvereine in Geldern und den Ortsteilen verschickt. Es gab allerdings nur vier Rückmeldungen. Stermann: „In meinen Augen eine Unverschämtheit. Daraus können wir keine Rückschlüsse ziehen.“

16 Interviews

Viele Senioren (ab 65 Jahre aufwärts) sind immer noch sportlich im Einsatz, um ihre Beweglichkeit zu erhalten oder vielleicht sogar zu verbessern. Im Rahmen der Studie führte der Kreissportbund 16 Interviews mit Menschen der genannten Altersgruppe. „Diese Bürger suchen in erster Linie soziale Kontakte. Darin liegt für die Vereine eine große Chance, die allerdings oftmals nicht genutzt wird“, sagte Stermann.

Der KSB-Vorsitzende fordert die Vereine außerdem zum Umdenken auf, da die Menschen immer älter werden: „Wir müssen dringend weitere Angebote für Hochbetagte schaffen. Denn in diesem Bereich ist auch bei uns vor Ort die Luft noch sehr dünn.“