Im Rausch der Geschwindigkeit

Start zum Citylauf in Geldern, bei dem Tim Schüttrigkeit (Start-Nr. 1277) einen ungefährdeten Start-Ziel-Sieg entgegenlief..
Start zum Citylauf in Geldern, bei dem Tim Schüttrigkeit (Start-Nr. 1277) einen ungefährdeten Start-Ziel-Sieg entgegenlief..
Foto: Thomas Binn

Kreis Kleve..  Vor zwei Wochen an der Geschwister-Devries-Grundschule in Uedem: Vor der Schule endet der Zielkanal des Uedemer Volkslaufes. Vom gegenüberliegenden Straßenrand blinzelt Streckensprecher Laurenz Thissen in die tiefstehende Sonne. Seine mitlaufende Stoppuhr hat die 15 Minuten hinter sich gelassen. Lange kann es also nicht mehr dauern, bis die Spitze des Fünf-Kilometer-Feldes auftaucht.

Und tatsächlich: Wie schon im vergangenen Jahr ist es auch diesmal wieder Tim Schüttrigkeit, dem Thissen mit Worten voller Superlative auf der leicht ansteigenden Zielgeraden einen roten Teppich ausrollt. Nach 15:36 Minuten löst der groß gewachsene Athlet, dessen Muskeln von nicht einem Gramm Fett bedeckt sind, die Zielelektronik aus. Zwölf Monate vorher hatte er auf dem gleichen Straßenkurs noch 15:56 Minuten benötigt. Es ist nur ein Beispiel dafür, wie rasant sich der 18-Jährige innerhalb eines Jahres verbessert hat. War er seinerzeit glücklich darüber, die 16-Minuten-Marke unterboten zu haben, ist er heute fast eine halbe Minute schneller unterwegs. Die Konstanz, in der sich Schüttrigkeit bewegt, ist beeindruckend.

Mehr als Volkslauf

Auf seine Leistungsentwicklung angesprochen nennt Schüttrigkeit zwei andere Zeiten, die für ihn Motivation sind, das das intensive und harte Training auch Früchte trägt. Schließlich absolviert er an sechs Tagen neun Einheiten und kommt dabei auf 120 Kilometer. „In den letzten beiden Jahren habe ich beim Steintorlauf jeweils die fünf Kilometer gewonnen – 2013 in 16:57 Minuten und 2014 in 15:59 Minuten“, sagt der gebürtige Moerser. Einer zu großen Erwartungshaltung hinsichtlich seines Abschneidens beugt er gleich vor. „Mein Training ist auf die Deutschen Jugendmeisterschaften in Jena ausgelegt. Daher laufe ich einen Tag vorher schon 5000 Meter auf der Bahn“, erklärt er. Da könne man 24 Stunden später keine Wunderdinge erwarten.

Doch deswegen Goch links liegen zu lassen, kommt für den angehenden Chemikanten nicht infrage. Denn schließlich hat er in Goch den größten Teil seines Lebens verbracht. In Moers geboren, ist er nach der Trennung seiner Eltern mit der Mutter nach Goch umgezogen. Bereits vom ersten Schuljahr an, glaube er sich zu erinnern, sei er regelmäßig zum Training der Viktoria-Leichtathleten gegangen. Deshalb ist der Steintorlauf für ihn mehr als irgendein anderer Volkslauf. Zumal Start und Ziel seit drei Jahren im Hubert-Houben-Stadion sind, wo Schüttrigkeit unzählige Trainingseinheiten abgespult hat. Die Laufdisziplinen rückten mit zunehmendem Alter immer stärker in den Vordergrund. „Unter Trainer Dirk Kopp waren es in meinen letzten Gocher Jahren die Mittelstrecken“, erinnert sich Schüttrigkeit, der seinen Lebensmittelpunkt mit Beginn seiner Ausbildung nach Moers verlagert und sich der LG Alpen angeschlossen hat. „Ich laufe immer noch für Alpen, trainiere aber seit Dezember beim VfL Repelen unter Trainer Gerd Albl. Er berät mich bei der Trainingsplangestaltung“, erklärt Schüttrigkeit, der einen leicht nachvollziehbaren Grund für den Ortswechsel angibt. „Meine Freundin trainiert auch dort.“

Am liebsten bestreitet Schüttrigkeit Rennen auf der Straße. Fünf und zehn Kilometer sind seine Lieblingsdistanzen. Das schließe aber nicht aus, dass er sich hin und wieder auch auf die Rundbahn begebe, sagt er. Gerne bei Deutschen Meisterschaften, wie Mitte Februar in Neubrandenburg bei den Hallenmeisterschaften über 3000 Meter. 8:57,78 Minuten brachten ihm bei seinem ersten DM-Start den siebten Platz ein. Dass die Spitzenleute seiner Altersklasse (U20) über diese Distanz noch einmal eine halbe Minute schneller sind, mache ihm nichts aus. „Damit kann ich umgehen, schließlich sind dort die besten Läufer aus Deutschland am Start“, argumentiert Schüttrigkeit.

Er laufe am liebsten sein eigenes hohes Tempo und möchte dem Optimum immer nahe kommen. Das sei bei Deutschen Meisterschaften nicht anders als bei Straßenläufen. Allerdings müsse er bei einer DM aufpassen, sich von der besseren Konkurrenz nicht aufs Glatteis locken zu lassen, weiß Schüttrigkeit um die Besonderheit der Bahnrennen auf höchster Ebene. „Man ist nervöser und steht noch mehr als sonst unter Adrenalin – da ist die Gefahr, zu überpacen, groß.“

Am letzten Juni-Wochenende wird sich Schüttrigkeit bei der U20-DM ein weiteres Mal aufs nationale Parkett wagen. 5000 Meter will er dort laufen, die Norm hat er mit 15:37 Minuten längst in der Tasche. Eines steht fest: Bei seiner momentanen Leistungsstärke ist er mehr als nur ein Mitläufer.

Ein bisschen von seiner Klasse will Schüttrigkeit schon morgen bei seinem Heimrennen in Goch zeigen – selbst wenn ihm der Bahntest 24 Stunden vorher noch in den Knochen stecken wird. Er sei eben keine Maschine. Das berücksichtige er im Übrigen auch bei den härteren Trainingseinheiten. „Man muss auf den eigenen Körper hören. Es gibt Tage, da ist man einfach müde. Da macht es dann keinen Sinn, stur nach den Vorgaben im Trainingsplan zu gehen.“ Flexibilität sei für ihn wichtig, betont Schüttrigkeit. Und ganz so schlecht ist er damit bisher nicht gefahren.