Im Fußball eine neue Heimat gefunden

Kevelaer..  Für viele ist es nur schwer vorstellbar, was einen 18-jährigen Menschen dazu bewegt, seine Heimat zu verlassen. Wenn die Lebensbedingungen im eigenen Land aber nicht mehr zu ertragen sind, sehen viele keinen Ausweg mehr und fliehen aus ihrer Heimat.

Anane Diare und Hassimiou Keita haben den beschwerlichen Weg nach Deutschland gewagt. Im vorigen Jahr kamen die heute 19-Jährigen aus Guinea – ohne ihre Familien wohlgemerkt. „Das war einfach kein Leben mehr“, erklärt Hassimiou. Nach einer Zwischenstation in Dortmund leben sie derzeit in Unterkünften in Kevelaer und Twisteden – zusammen mit anderen Flüchtlingen aus Somalia, Marokko oder Eritrea. Keiner der beiden Guineer sprach zuvor Deutsch, eigentlich die Voraussetzung, um im Alltag klarzukommen.

Beim Kevelaerer SV klappte das Miteinander aber sofort. Sport kennt eben keine Grenzen – auch keine sprachlichen. Der Verein hat es sich zum Ziel gesetzt, Flüchtlingen mit Hilfe des Sports bei der Integration zu helfen, sie nebenbei mit dem Allernötigsten auszustatten und ihnen im Alltag zu helfen. Unter anderem bietet der KSV regelmäßig ein Fußball-Probetraining an. „Je nach Alter und Stärke teilen wir die Flüchtlinge in unsere Mannschaften ein“, erklärt Tobias Häntsch, Trainer der Kevelaerer A-Jugend, der Anane und Hassimiou gleich unter seine Fittiche nahm. „Es hat sofort funktioniert. Die beiden sind mittlerweile voll integriert. Nur mit der Pünktlichkeit gab es anfangs kleine Probleme“, erklärt Häntsch und lacht. Probleme im Team dagegen gab es allerdings nie. „Die Spieler haben sich gefreut, dass wir zwei neue Leute dazubekommen haben“, sagt der Coach.

Schnell und trickreich

Seit Saisonbeginn machen Anane und Hassimiou (aufgrund eines noch fehlenden Spitznamens von allen Teammitgliedern nur Keita genannt) als Rechtsfüßer Tempo. So auch am vergangenen Wochenende beim Hallenfußball-Turnier für A-Junioren, das von Union Wetten ausgerichtet wurde. Am Ende sprang Platz zwei hinter Sieger DJK Twisteden heraus. Anane und Hassimiou überzeugten dabei mit Schnelligkeit und Trickreichtum.

Kein Wunder: Anane ist großer Fan von Toni Kroos, Hassimiou bewunderte zunächst den französischen Superstar Zinedine Zidane, heute schwärmt er für Lionel Messi. Dass Fußball auch in der Halle gespielt werden kann, war den beiden leidenschaftlichen Kickern vorher überhaupt nicht bekannt. „In Guinea haben wir immer auf Sand und auch nie in einer Mannschaft gespielt“, erzählt Hassimiou, der kurz nach seiner Ankunft in Deutschland sofort begann, einen Sprachkurs zu machen. Die ersten Früchte sind erkennbar. Mittlerweile versteht er Deutsch recht gut und kann sich mitteilen.

Anane hingegen hat noch einige Probleme. „Innerhalb des Teams klappt die Kommunikation trotz der unterschiedlichen Sprachen dennoch recht gut“, erklärt Häntsch. Das beste Beispiel lieferte Anane am Rande des Hallenturniers. Als ein Teamkollege ihm etwas auf seinem Smartphone zeigte und mit Händen und Füßen zu verstehen gab, worum es sich dabei handelt, setzte Anane ein breites Grinsen auf. „Ein Spieler aus unserem Team spricht Französisch und übersetzt. Ein Kevelaerer aus Kamerun hat uns ebenfalls geholfen“, erklärt der KSV-Trainer. Für ihn kommt es vor allem darauf an, seine neuen Schützlinge so gut wie möglich zu unterstützen. „Das Problem ist, dass Anane und Hassimiou derzeit nur geduldet sind. Sie können sich bemühen wie sie wollen, am Ende kann ihnen die plötzliche Abschiebung drohen.“

Ewige Unsicherheit

Wie sehr die ewige Unsicherheit den Alltag im fremden Land erschwert, wird bei Anane deutlich. Im Gegensatz zum aufgeweckten Hassimiou wirkt er eher introvertiert, fast schon etwas niedergeschlagen. „Er hat so seine Probleme und beschäftigt sich den ganzen Tag mit Sport, um sich abzulenken“, sagt Häntsch. Deshalb versuchen Trainer und Verein auch, Praktika zu vermitteln. „Am liebsten würde ich etwas Handwerkliches machen, Elektriker zum Beispiel“, sagt Anane. Auch Hassimiou, der neben seiner Landessprache Sosso und Französisch (Amtssprache in Guinea) auch noch Kenntnisse in Spanisch und Englisch besitzt, würde sich ebenfalls über eine sinnvolle Beschäftigung freuen. Wer den beiden helfen möchte – auch mit materiellen Dingen – kann sich beim KSV melden.

„Jetzt wollen wir alles tun, um die beiden hierzubehalten. Ich wünsche mir, dass sie eine Chance bekommen und wir sie in der kommenden Saison in unsere Seniorenmannschaft aufnehmen können. Sie sind uns echt ans Herz gewachsen“, sagt Häntsch. Und deshalb dürfte es nur noch ein Frage der Zeit sein, bis sich für Hassimiou ein passender Spitzname gefunden hat.