Der 100 Kilometer lange Lauf zu Gold

Was wir bereits wissen
Leichtathletik: Der Pfalzdorfer Karl Graf blieb bei den Deutschen Meisterschaften unterneun Stunden.

Goch. Wenn man einen Ultra-Langstreckler beschreiben müsste, käme mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Sportler heraus, der viele Züge des Pfalzdorfers Karl Graf trüge. Was hat der Kilometermann in seinem Leben alles erfolgreich hinter sich gebracht? Und dabei wollen wir an dieser Stelle die gesundheitlichen Grenzerfahrungen, die Graf durchleben musste, ganz bewusst einmal außer Acht lassen. Obwohl die überstandene Lähmung nach einem Arbeitsunfall und der vor fünf Jahren erfolgreich behandelte Hirntumor vieles von dem erklärt, was Graf in der Folgezeit an sportlichen Herausforderungen gemeistert hat.

Von Lissabon ist er in Etappen bis nach Moskau gelaufen, hat den Rheinsteig non-stop bewältigt und die Insel Texel umrundet. Zudem verewigte er sich im Guinness-Buch der Weltrekorde mit 240 Kilometern in 24 Stunden, bestritt andere Ultra-Läufe jenseits der Marathondistanz und dazu sehr viele andere Wettkämpfe unterschiedlicher Länge.

Vielleicht wäre er auch bei den 10 000-Meter-Meisterschaften am Sonntag in Weeze aufgekreuzt. Schließlich hätte er es von seinem Wohnort Pfalzdorf bis ins Weezer Sportzentrum nicht weit gehabt. Am Anreiseweg lag es also nicht, auch nicht am Belag der Aschenbahn – Graf ist diesbezüglich genügsam. Der Grund war ein anderer und erschließt sich dem Leser beim Betrachten des Bildes auf einen Blick. An dem Band in den schwarz-rot-goldenen Farben hängt eine Medaille mit der Gravur des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Golden ist sie zudem, doch dazu kommen wir noch. Denn bis dahin sind es 100 Kilometer, die der 65-Jährige am vergangenen Samstag im Rahmen der zum 28. Mal ausgetragenen Deutschen Meisterschaften über diese Distanz zurücklegen musste. Aufgeteilt in 25 Runden zu je fünf Kilometern. Start und Ziel des Rundkurses lagen in Rot, einem kleinen Städtchen im Kraichgau unweit des Hockenheimrings. Frühmorgens um 7 Uhr war die Nacht für den Pfalzdorfer und weitere 130 Teilnehmer zu Ende. Die Regularien waren streng, berichtete Graf. „Die Verpflegungszone auf dem Sportplatz musste genau eingehalten werden. Zudem durften die Betreuer die Wasserflaschen nur anreichen, keinesfalls auch nur einen Schritt mitlaufen.“ Auch andere Vergehen, wie das kurzzeitige Verlassen der Bahn, führten zur sofortigen Disqualifikation.

Für Graf und die meisten seiner Mitstreiter an diesem Tag war die strenge Auslegung der Wettkampfrichtlinien kein Neuland. Der Pfalzdorfer hatte schon die DM in Husum im vergangenen Jahr mitgemacht und sogar die Altersklasse M 60 gewonnen. In diesem Jahr gehörte Graf erstmalig der „M 65“ an. Eine gute Gelegenheit also, der neuen Konkurrenz zu zeigen, wo von jetzt an der „Barthel den Most“ holt. Graf war gerüstet, konnte mit dem Finger an der Uhr den Startschuss kaum erwarten.

Auf die Plätze, fertig – der Schuss aus dem Startrevolver brachte das Feld in Bewegung. Jeder Aktive suchte seinen Rhythmus. Grafs Rundenzeiten pendelten sich zunächst bei 24 Minuten ein – mal ein paar Sekunden drüber, mal etwas darunter. „Zunächst war das Wetter sehr angenehm“, sagte Graf. Später frischte der Wind auf und machte den Aktiven zu schaffen. „Die Windböen zehrten an meinen Kräften, nur der Wille trug mich weiter“, sagte Graf. Die Rundenzeiten wurden langsamer, Grafs Kilometerschnitt näherte sich der Sechs-Minuten-Marke, lag zwischen Kilometer 70 und 80 auch mal bei 6:30 Minuten.

Doch das Tief, das bei einer so großen Distanz kaum zu vermeiden ist, überstand Graf mit eisernem Willen. Ein Ultra-Langstreckler weiß um die Charakteristika eines solchen Wettkampfs und denkt nicht schon bei den ersten Schwierigkeiten daran, die Reißleine zu ziehen. Graf blieb in Bewegung. Vielleicht auch motiviert durch seine Ehefrau Hannie, die wie schon so oft die Betreuung an der Strecke übernahm.

Und siehe da, auf einmal fiel es Graf wieder leichter, einen Schritt vor den anderen zu setzen. In der 15 Kilometer langen Schlussphase war es ihm gelungen, wieder einen Zipfel dieses ganz besonderen Flows zu erwischen. Und der trug ihn schließlich auf eine neue persönliche Bestzeit. Zum ersten Mal stand für ihn die Acht vorne: 8:59,33 Stunden. Damit gewann Graf den Titel in der Altersklasse M65.