Bestandteil der Energie-Wende
06.07.2011 | 19:23 Uhr 2011-07-06T19:23:00+0200
Goch/Cottbus. Wenn Nachwuchskicker auf den Sportplätzen im Kreis Kleve überragende Spiele zeigen, folgt meistens der Schritt zu einem großen Verein. Im Trikot von Borussia Mönchengladbach, Schalke 04 oder dem 1. FC Köln bilden sie sich dann fußballerisch fort. Heiko Leinweber hat sich für einen ganz anderen Weg entschieden.
Der Gocher trägt seit 2009 das Trikot des FC Energie Cottbus und hat mittlerweile schon 17 Spiele in der Junioren-Bundesliga absolviert.
Nun grenzt die Lausitz nicht gerade an den Niederrhein. Wie kommt man also darauf, Cottbus als neue sportliche Heimat auszuwählen? Die Antwort klingt simpel: Heiko Leinweber und seine Eltern waren auf der Suche nach einem Verein, bei dem Trainings- und Stundenplan optimal aufeinander abgestimmt sind. Die Strukturen beim SV Straelen, bei dem Heiko Leinweber bis 2009 noch spielte, waren in Ordnung. Nun sollte es aber alles eine Spur professioneller sein. Nach längerer Recherche stieß Mutter Tatjana auf die Lausitzer Sportschule – 699 Kilometer von Goch entfernt.
Doch Heiko Leinweber scheute vor dieser Distanz nicht zurück. Er absolvierte bei den Cottbusern ein Probetraining. Gemeinsam mit seinen Eltern konnte das Talent zudem die Sportschule besichtigen, alle waren sofort überzeugt. Da auch Heiko Leinweber die Energie-Scouts überzeugte, erhielt er eine Vertrag. Jetzt ist er noch bis Mitte 2013 an den Verein gebunden.
Nun lebt der 17-Jährige seit zwei Jahren schon in Brandenburg – und weiß mittlerweile, dass er sich richtig entschieden hat. „Der Verein und die Schule arbeiten eng zusammen. Das ist für die Förderung sehr wichtig“, erzählt Heiko Leinweber. Das sah der Deutsche Fußball-Bund genauso, als er vor fünf Jahren die Lausitzer Sportschule als erste Bildungseinrichtung im Bundesgebiet mit dem Zertifikat „Eliteschule des Fußballs“ auszeichnete. Einen weiteren Ritterschlag gab es zuletzt von Andreas Rettig. Der Manager des FC Augsburg attestierte der Cottbuser Nachwuchs-Förderung in einem Interview „Champions-League Niveau“.
In zwei Minuten in der Schule
Und da kein Spieler seine fußballerischen Qualitäten im Schlaf verbessern kann, heißt es für Heiko Leinweber und seine Teamkollegen: früh aufstehen. Bis zu acht Trainingseinheiten stehen wöchentlich auf dem Programm – einige beginnen schon um 7.30 Uhr. „Von der Kabine bis zur Schule sind es aber nur zwei Minuten“, beschreibt Heiko Leinweber den kurzen Fußweg. In einer reinen Fußballklasse paukt er dann Matheformeln und Russisch-Vokabeln, bevor er nachmittags wieder das Trikot überstreifen darf. „Viel Freizeit haben wir da nicht“, gesteht der schnelle Fußballer, der auf der Rechtsaußen-Position beheimatet ist.
Aber darauf kann er auch verzichten, schließlich hat ihm der Fußball schon schöne Stunden beschert. Mit der Brandenburg-Auswahl konnte er beim Länderpokal den vierten Platz unter 21 Mannschaften erreichen. Und bei „Jugend trainiert für Olympia“ schaffte der gebürtige Gocher mit seiner Schule sogar den zweiten Platz. Die unglückliche Finalniederlage gegen eine Hamburger Schule war doppelt bitter: Sie verhinderte den Flug zur Weltmeisterschaft nach Rio de Janeiro.
Besonders gern erinnert sich Heiko Leinweber an den 22. Mai 2011 zurück. Damals spielten die Cottbuser beim späteren Deutschen Vize-Meister Werder Bremer. Energie brauchte noch dringend Punkte für den Klassenerhalt und schaffte die Sensation: Beim 3:0-Erfolg glänzte Heiko Leinweber mit einem Tor und einer Vorlage. „Das war bislang mein schönster Moment“, erzählt Heiko Leinweber und seine Augen funkeln.
Und so schafften die Cottbuser am Saisonende doch noch den Klassenerhalt -- das Trainerduo Vragel da Silva und Franklin Bitencourt hatte seine Mission erfüllt. Die beiden Verantwortlichen kickten zu Beginn des 21. Jahrhunderts übrigens gemeinsam im Stadion der Freundschaft um Bundesliga-Punkte. Es war die Zeit, als Trainer Eduard Geyer auch mal eine Mannschaft aus elf dazugekauften Ausländern aufs Feld schickte und Cottbus der Ruf einer Söldner-Truppe anhaftete. Doch mittlerweile gab es auch in der Lausitz eine Energie-Wende, die Zweitliga-Mannschaft rekrutiert sich anno 2011 aus vielen eigenen Nachwuchskräften.
Auch Heiko Leinweber hat als Fernziel ausgegeben, mal „bei den Profis reinzuschnuppern“. Nach der Sommerpause will sich der ehrgeizige Fußballer aber erst mal einen Stammplatz in der U 19 erkämpfen. Vergangene Woche lief er schon für die neu formierte Mannschaft auf. Cottbus qualifizierte sich mit einem 4:1 über den SV Babelsberg für den DFB-Pokal.
Rydlewicz bittet
zum Laktattest
Anschließend ging es für Heiko Leinweber zurück zum Niederrhein, die Sommerpause nutzt er für einen zehntägigen Familienbesuch. In Goch verbringt er aber nicht die Zeit mit Playstation spielen oder auf der Couch lümmeln. „Ich werde auch weiterhin trainieren, schließlich steht bald schon der Laktattest an“, sagt Heiko Leinweber. Da sollten die Werte schon stimmen, denn der neue Coach René Rydlewicz, ebenfalls ein früherer Profi, erwartet fitte Spieler zum Auftakt.
Als er die Worte seines Sohnes hört, muss Arkadi Leinweber schmunzeln. Dann erzählt er von einem Telefonat, das die beiden vor einiger Zeit geführt haben: „Heiko hat mir damals gesagt: Papa, vom Fußball bekomme ich nie genug!“ An Leidenschaft mangelt es dem Filius scheinbar nicht.
0mitdiskutieren