Schlussstrich wurde zum Problem

In der Heimat startete Frederik Töpel zuletzt beim Adventure Trail Run im Sauerlandpark.
In der Heimat startete Frederik Töpel zuletzt beim Adventure Trail Run im Sauerlandpark.
Foto: IKZ

Iserlohn..  Wenn ein begabter junger Sportler seine Karriere wegen einer Verletzung beenden muss, hat er oberflächlich betrachtet Pech gehabt und muss sich damit trösten, dass es ja Wichtigeres gibt als Leistungssport. Aber so leicht lässt sich nicht jeder Fall abhandeln. Eine erzwungene Neuorientierung zieht zuweilen beträchtliche Folgen nach sich. Frederik Töpel kann ein Lied davon singen.

Einer der besten Läufer, die es in der Region je gegeben hat, mit deutschen Meistertiteln dekoriert und auf dem Sprung zu internationalen Erfolgen, bestritt schon vor zehn Jahren seine letzte echte Wettkampfsaison. Höchst erfolgreich im Trikot der LGO Dortmund, nachdem er zuvor beim TV Deilinghofen in den Jugendklassen auf den Strecken von 3000 bis 10 000 Meter zur nationalen Spitze zählte. Doch dann zwang den damals 20-Jährigen eine Knochenhautentzündung zur Pause. Der folgten der Wiedereinstieg ins Training, die Schmerzen, die nächste Pause, weitere Comebackversuche, wachsender Frust - und schließlich der Ausstieg 2008.

„Ich war bei vielen Ärzten und sogar in stationärer Behandlung, aber niemand konnte mir helfen. So hatte es letztlich keinen Sinn mehr“, berichtet der Hemeraner, der in Bochum lebt und für einen Dienstleister, der sich um junge Zielgruppen im Bildungsbereich kümmert, in der Öffentlichkeitsarbeit tätig ist. Aber einfach die Laufschuhe an den Nagel zu hängen und neue Herausforderungen zu suchen, war im Falle Töpel leichter gesagt als getan. „Für mich ist damals ein Lebensentwurf zusammengebrochen“, räumt er ein. Dazu muss man wissen, dass er, dem mit der Abiturnote 1,0 alle Studienwege offen standen, seine Ausbildung so wählte, dass der Leistungssport nicht auf der Strecke blieb.

Er entschied sich für Geschichte, Politik und Kommunikationswissenschaft und brachte in Münster Uni und zweimal tägliches Training ganz gut unter einen Hut. Der durchgeplante Tagesablauf ließ kaum Zeit für ein Privatleben, das gesamte soziale Netzwerk war vom Sport und von der Leichtathletik geprägt. Und das fiel mehr und mehr in sich zusammen, als er sich vom Wettkampfgeschehen verabschieden musste. Töpel erlebte aus der Distanz, wie frühere Mitstreiter, denen er stets Paroli bieten konnte, Karriere machten und an Welt- und Europameisterschaften teilnahmen. „Das hat mir zugesetzt. Und ich habe es auch nie richtig geschafft, einen Schlussstrich zu ziehen“, sagt der 30-Jährige. Laufen war für ihn immer mehr, als nur die Schuhe zu schnüren und ein paar Runden zu drehen.

Die Realität zu akzeptieren, fiel ihm überaus schwer, und auch heute, zehn Jahre nach seiner letzten Saison, merkt man ihm an, wie er noch darunter leidet, von der Karriereleiter gestoßen worden zu sein. Schritt für Schritt gestaltete er sein Leben ohne Wettkampfsport neu, doch dabei musste der Sport weiter eine zentrale Rolle spielen. Er engagierte sich als Trainer in Münster und heute in Bochum und versuchte, seinem Anspruch, täglich Sport zu treiben, mit dem passenden Angebot gerecht zu werden. Jetzt läuft er alle vier Tage, ist zweimal pro Woche auf dem Rennrad über rund 80 Kilometer unterwegs und absolviert ansonsten Krafttraining. Dieser Mix garantiert ihm Beschwerdefreiheit und eröffnet die Chance, seiner Leidenschaft zumindest in reduzierter Form nachzugehen.

Gelaufen wird jetzt nurnoch alle vier Tage

In Hemer nahm er kürzlich am Adventure Trail Run teil, in Oelde absolviert er einen 10-Kilometer-Volkslauf in 33:35 Minuten. Natürlich ist er immer vorne dabei, aber auf die Platzierung zu schauen, hat er sich abgewöhnt. „Früher war ich sehr verbissen, heute kann ich auch ganz locker in der Mitte des Feldes laufen“. Sein anfälliger Körper zwingt ihn zum Maß halten, größere Ambitionen bleiben tabu.

Natürlich nutzt er den gewonnenen Freiraum für mehr Privatleben, für Zeit mit Freunden, Theaterbesuche und für das Lesen. Hätte er sich schon früher diese Freiräume schaffen müssen? „Wahrscheinlich war ich immer zu ehrgeizig und zu ungeduldig, die Regeneration kam zu kurz“. Die Quittung fiel heftig aus und zwang Frederik Töpel zu einer schwierigen Neuorientierung, die er auch heute noch nicht für abgeschlossen hält. „Ich bin jetzt auf gutem Wege, ein zufriedener Mensch zu sein“, formuliert er sehr nachdenklich. Zum wirklichen Glück fehlen die großen Wettkämpfe und die großen Erfolge, auf die er lange so zielstrebig hingearbeitet hatte.