Eine neue sportliche Heimat

Nathan Douglas (links) und John Ogbaide beim Training in Horsthausen.
Nathan Douglas (links) und John Ogbaide beim Training in Horsthausen.
Foto: Michael Korte

Es war im Herbst, als John, Jimmy, Anthony und Nathan am Sportplatz in Horsthausen standen. „Sie standen da, haben so ein bisschen geguckt“, erinnert sich Erwin Bergmann. „Ich hab sie dann angesprochen, gefragt, was los ist, so ein bisschen auf Englisch.“ Schnell wurde klar: Die vier Jungs suchten einen Platz zum Fußballspielen.

Erwin Bergmann ist Trainer der Reserve der SpVgg Horsthausen, bot den vier Asylbewerbern aus Nigeria an, erst einmal auf Probe mitzutrainieren. Ein paar Wochen später beantrage der Verein die Spielberechtigung für das Quartett im Alter zwischen 19 und 25 Jahren.

Ein gutes halbes Jahr später, Montagabend auf dem Horsthauser Kunstrasen, Training. „Anthony hat sich für heute abgemeldet“, entschuldigt Bergmann, „Jimmy hat gestern einen auf den Knöchel bekommen, der ist dick geworden, deshalb ist er nicht da.“ Ansonsten ist der Kader fast komplett, mehr als zwanzig Spieler beim Training, nicht schlecht für den Neunten in der Kreisliga C. Die Mannschaft absolviert ihr Aufwärmprogramm, ein paar Runden, ein paar Sprints. Die Stimmung ist hörbar gut, es wird viel gelacht dabei. John und Nathan mittendrin. Glücklich.

Den Eindruck, dass sie sich wohlfühlen, bestätigen die beiden, auch wenn sie im Gespräch schüchtern und vorsichtig sind, nicht so sicher und ausgelassen wie mit dem Ball am Fuß: „Wir sind hierher gekommen, weil wir einen Ort zum Fußballspielen suchten. Fußball macht uns am meisten Spaß im Leben.“ Beziehungsweise: „Football gives the joy to our lives.“ Sie lernen Deutsch, aber Englisch geht noch besser. „Wir sind einsam, haben keine Familie hier. Die Mannschaft ist jetzt unsere Familie, dafür sind wir dankbar.“

Was sie in Nigeria erlebt haben, darüber sprechen sie nicht gerne, denken vermutlich auch nicht gerne daran. Hier müssen sie es auch nicht, entscheidend ist „aufm Platz“.

„Die Mannschaft hat die Jungs perfekt aufgenommen, viel dafür getan, dass sie mitmachen können“, sagt Bergmann. Die einheitlichen Trainingstrikots haben sie noch nicht, kein Wunder. „Als sie das erste Mal hierherkamen, hatten die Jungs nur ein paar alte Turnschuhe an den Füßen. Wir haben ihnen dann aus alten Trikotbeständen vom Verein Sachen fürs Training gegeben, Trikots haben sie auch bekommen. Die ersten Schuhe hat die Mannschaft gekauft. Wir hören uns auch um, ob jemand weiß, wo die Jungs arbeiten können.“

Anpassungsschwierigkeiten gab es natürlich, allerdings nur fußballerischer Art. Auch wenn die Regeln eigentlich überall gleich sind, mussten John, Jimmy, Anthony und Nathan sich umstellen. „In Nigeria wird Fußball mit mehr Kraft und Energie gespielt“, versucht John den Unterschied zu erklären. Gespürt haben das zunächst auch hin und wieder die Gegner, erinnert sich Bergmann: „Am Anfang haben sie manchmal noch einfach den Fuß beim Gegner draufgehalten. Der liegt da, weiß nicht was los ist, der Schiedsrichter pfeift, unser Mann weiß nicht warum.“ Reine Gewöhnungssache, schnell gelernt.

Inzwischen sind die vier wichtige Spieler. „Nathan ist Stürmer, ist ziemlich groß. Anthony ist Rechtsaußen, John war von Anfang an mein Zehner. Am Wochenende hat er zwei Tore geschossen. Jimmy hat eine starke Physis, ist der geborene Sechser.“

Bergmann hofft, die Spieler so lange wie möglich bei sich zu haben. „Sie haben gesagt, sie waren in Nigeria auf der Fußball-Akademie, das sieht man, die haben richtig was drauf. Und was sie nicht können, das ist mein Job, das bringe ich ihnen bei.“ Die Mannschaft ist besser mit ihnen, „trotz der Tabellensituation stimmt die Moral“, sagt Bergmann, „für die nächste Saison wollen wir mal ein Ziel formulieren, hoffentlich sind die vier dabei.“

So wohl sich die vier fühlen, für immer Kreisliga C muss es dann auch nicht sein: „Wir hoffen, dass wir hier bleiben können, wir sind sehr glücklich hier. Unser Traum ist aber, in einer höheren Liga zu zeigen, was wir können.“ Bergmann weiß und versteht das: „Aber vielleicht werden sie entdeckt, müssen woanders hin, Fußball ist schnelllebig.“

Wenn sie es schaffen, hat er ihnen geholfen, den ersten Schritt zu machen, als er sie an jenem Herbsttag auf Horsthausen ansprach.