Ein Total-Umbruch zu viel?

Stürzt der SC Westfalia in dieser Saison ab? Noch können sich Stjepan Filipovic (l.) und seine Kollegen retten. Aber dazu muss alles passen.
Stürzt der SC Westfalia in dieser Saison ab? Noch können sich Stjepan Filipovic (l.) und seine Kollegen retten. Aber dazu muss alles passen.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Mit nur sechs Punkten aus 15 Spielen überwintert der SC Westfalia als Oberliga-Schlusslicht. Entsprechend übel sieht die Halbzeitbilanz aus.

Letzter Platz, nur eines von 15 Spielen gewonnen, sechs Pünktchen, die wenigsten Tore erzielt (11), die meisten kassiert (39) – katastrophaler könnte die Halbzeitbilanz des SC Westfalia Herne in der Fußball-Oberliga nicht ausfallen. Aber die Herner klammern sich an einen Strohhalm: Sie haben ein Spiel weniger bestritten als die meisten Konkurrenten, sogar zwei weniger als die TSG Sprockhövel – bei einem Rückstand von zehn Punkten auf einen Nichtabstiegsplatz ein eher schwacher Trost. Holger Wortmann, seit drei Monaten Cheftrainer und inzwischen auch Sportlicher Leiter am Schloss, muss schon eine Menge richtig machen, will er dem Traditionsclub den Absturz in die sechste Liga noch ersparen.

Wie konnte der SCW in diese schlimme Situation geraten? Welche Fehler wurden gemacht? Was sind die größten Schwächen, was macht vielleicht auch Hoffnung? Der Rückblick auf die Hinserie versucht, auf solche Fragen zumindest ansatzweise Antworten zu geben.

Die Ausgangssituation

Wie im Jahr zuvor hatte der SCW auch im Sommer 2014 erst am letzten Spieltag mit dem als Feuerwehrmann eingesprungenen Jörg Tottmann auf der Bank den Oberligaverbleib gesichert. Und zum dritten Mal in Folge machte der Verein den ganz großen Schnitt, tauschte fast das komplette Personal aus. Auch Talente wie Semih Güler, Patrick Polk, Marc Schröter, Kai Forin, Jimmy Antwi-Adjej, Mustafa Kaya oder Yüksel Terzicik, die ihre Oberligatauglichkeit bereits nachgewiesen hatten und das Gerüst der neuen Mannschaft hätten bilden können, sollten oder konnten nicht gehalten werden.

Wieder einmal musste der SCW auf den letzten Drücker ein Team zusammenschustern. Das lag in erster Linie in Verantwortung von Uli Reimann, der auch den gerade 31-jährigen Manuel Bölstler als Trainer verpflichtete. Der sollte ursprünglich spielender Co-Trainer von Holger Wortmann werden, doch Wortmann sagte noch ab und blieb vorerst in Gütersloh.

Als Bölstler zum ersten Training bat, tummelten sich 25 Kicker im Stadion, 16 von ihnen zur Probe. Nach und nach füllte sich der Kader – überwiegend mit jungen, unbekannten Spielern, aber auch mit einigen Akteuren, die Regionalligaerfahrung vorweisen konnten.

Der Kader

Was bei der offiziellen Teamvorstellung schon auffiel, war eine gravierende Dysbalance im Kader. Unter den 23 Kickern waren gut ein halbes Dutzend, die sich selbst in der Spielmacherrolle sahen, lauter vermeintliche Ballkünstler, aber kaum Renner, Kämpfer oder kantige Abwehrrecken. Trotzdem verstrahlten die jungen Burschen und auch Trainer Bölstler viel Optimismus. Es bedürfe zwar noch etwas Zeit, doch dann habe man „ein richtig gutes Team“, dem er auch einen einstelligen Tabellenplatz zutraue, meinte Bölstler. Das sieglose Ausscheiden beim Kirmes-Cup oder auch die Fast-Pokalblamage beim SC Constantin zwei Tage zuvor konnten die allgemeine Zuversicht nicht erschüttern.

Der Saisonstart

Ihre Euphorie nahmen die Herner auch mit zum Saisonauftakt nach Hüls. Doch der ging total in die Hose. Eine 0:3-Pleite, dazu die Rote Karte gegen Kapitän Ahmet Inal – es gab gleich zwei bittere Pillen zu schlucken. Es folgten ein 2:2 gegen Sprockhövel und ein 0:1 in Zweckel – Spiele, in denen der SCW sich zumindest gleichwertig sah. So sollte im Heimspiel gegen Neuenkirchen der Knoten platzen. Aber statt eines Dreiers gab es eine 2:5-Klatsche und den Absturz auf den letzten Platz.

Erstmals wirkte auch Bölstler verunsichert. Ein in Unterzahl erkämpftes 0:0 in Erkenschwick ließ ihn aber wieder an den Charakter des Teams glauben, auch beim 0:1 gegen Rhynern lobte er den Kampfgeist. Nach den Pleiten in Stadtlohn (0:4) und gegen Ahlen (1:6) aber zog er die Reißleine.

Der Trainerwechsel

Bölstler selbst regte die Verpflichtung des in Gütersloh ausgestiegenen Holger Wortmann an und assistiert ihm seitdem als spielender Co-Trainer. Wortmann übernahm und versuchte, Teamgeist und Siegermentalität zu vermitteln, vor allem aber die defensive Stabilität zu stärken. Nach 0:2-Niederlagen in Beckum und gegen Bielefeld gelang dann endlich der erste Saisonsieg, ein 2:1 in Rheine – dank eines starken Debütanten Bölstler als „Sechser“ und eines späten Glücksschusses von Danny Radke. Die Wende?

Die zweite Saisonphase

Mitnichten. Es sollte der einzige Erfolg bleiben. Schon drei Tage später gab es mit dem Pokal-K.o. bei Fortuna Herne den ersten Rückschlag. Weitere folgten. Zeigte der SCW beim 1:2 in Ennepetal und beim 2:2 gegen Hamm gute Ansätze, präsentierte er sich beim 0:3 gegen Gütersloh und dem 1:5 in Erndtebrück wie ein Absteiger. Ist der Effekt des Trainerwechsels bereits verpufft?

Der Stand der Dinge

Das werden die nächsten sechs, acht Wochen zeigen. Wortmann hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er den Kader jetzt in der Winterpause erneut umkrempeln wird, um allen Mannschaftsteilen mehr Qualität zu geben. Daran hat er zuletzt fleißig gearbeitet, die Ergebnisse will er am Sonntag komplett präsentieren. Was bereits durchgesickert ist, lesen Sie unten auf dieser Seite.

Die Prognose

Bestenfalls wird’s ein „Ritt auf der Rasierklinge“, wie ihn Holger Wortmann prophezeit, der Kampf gegen den Abstieg kann aber auch zu einer „mission impossible“ werden. Wortmann muss ganz schnell eine stabile Achse von überdurchschnittlichen Spielern mit Erfahrung und Ausstrahlung bauen, die dem ganzen Gebilde Halt, Struktur und Hierarchie geben.

Ein Glied könnte Bölstler als Sechser sein, wenn er richtig fit ist. Hinter ihm braucht es einen echten Abwehrchef, zweikampf- und kopfballstark, der den Laden organisiert und zusammenhält. Dazu vorne einen zentralen Angreifer, der zuverlässig „knipst“, aber auch Bälle festmacht für nachrückende Mittelfeldspieler. Nur wenn das gelingt und von Anfang an funktioniert, wenn alle anderen sich einfügen, als Team verstehen und den Abstiegskampf annehmen, könnte die Aufholjagd noch Erfolg haben. Doch dazu benötigt die Westfalia auch Glück, einen guter Start und schwächelnde Konkurrenten.