Basketball mit 79: „Für mich ganz normal“

Jürgen Kuhlmann will an seinem 80. Geburtstag seine Baketballkarriere beenden.
Jürgen Kuhlmann will an seinem 80. Geburtstag seine Baketballkarriere beenden.
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Jürgen Kuhlmann will bald aufhören mit Basketball spielen, er ist 79 Jahre alt, wird Ende des Monats 80. Dass er in dem Alter noch Basketball spielt, findet er nicht weiter bemerkenswert.

Eine kleine Sporthalle in Bochum-Hamme, nahe der Stadtgrenze zu Wanne-Eickel. Das rhythmische Tippen des Basketballs ist schon aus der Kabine zu hören. In der Halle wird fünf gegen fünf gespielt, blau gegen weiß. In der Zone hinten links bei Team Blau verteidigt Jürgen Kuhlmann, einer der Kleineren auf dem Platz, Trikotnummer vier.

Kuhlmann will bald aufhören mit Basketball spielen, er ist 79 Jahre alt, wird Ende des Monats 80. Dass er in dem Alter noch Basketball spielt, findet er nicht weiter bemerkenswert. Eher ganz normal. Ob er sonst noch jemanden kennt, der in seinem Alter noch so regelmäßig intensiv Sport treibt? Er kenne einen Tischtennisspieler, wobei: Der sei wohl auch einige Jahre jünger als er. Also: „Mangel an Gleichaltrigen gibt es bei mir schon“, so Kuhlmann. „Sonst müsste ich mich ja nicht mit den Jungs hier abgeben.“

Die „Jungs“ wie er es nennt, sind die anderen in Blau beziehungsweise Weiß in der kleinen Sporthalle, Männer ab 50 Jahren aufwärts, die „Jungs“, eine Basketballhobbytruppe. „Hobby“ ist dabei nicht falsch zu verstehen: Es heißt nicht, dass hier ältere Männer ein paar Bälle auf den Korb werfen, im Gegenteil: Foul oder nicht foul? Wer hat in der Defense nicht aufgepasst? Vorne den besser postierten Mitspieler übersehen? Wird leidenschaftlich ausdiskutiert, Punkte sind Punkte, gewonnen ist gewonnen. In der Halbzeit stimmt Team Weiß die Raumaufteilung der Verteidigung besser ab. Kuhlmann: „Wir zählen mit, also gibt es einen Wettbewerb. Da kann es auch mal etwas lauter werden.“

Wie kommt der Mann aber dazu, auch mit fast 80 Jahren noch Bällen und Körben hinterherzujagen und auch noch unbedingt gewinnen zu wollen? „Das war für mich ganz normal, ich war früher Sportlehrer, habe dann einfach immer weitergemacht.“

Auf der Schule und im Studium an der Sporthochschule Köln lernte Kuhlmann das Spiel kennen, Lehrer und Trainer wurde er dann spontan. „Bei uns an der Schule sollte eine Basketball-AG starten.“ Sportlehrer Kuhlmann, eigentlich Leichtathlet, hob die Hand. Das war Ende der Sechzigerjahre am Gymnasium Eickel. Schnell wurden aus der Schul-AG mehrere Vereinsmannschaften beim DSC Wanne-Eickel. „Die Verknüpfung war so, wie es sein sollte,“ erinnert sich Kuhlmann: „Schule, AG, Verein. Wir schafften es bis in die Oberliga, eher noch, als sogar in Herne Basketball gespielt wurde. Es entwickelten sich auch Ableger, ETuS zum Beispiel.“ Zehn Jahre lang ging das so, bis 1979 Kuhlmann vom Gymnasium ans Studienseminar in Gelsenkirchen wechselte.

Gleichzeitig hatte der DSC weniger Geld zu Verfügung. Basketball wurde in Wanne-Eickel nicht mehr ganz so groß geschrieben, nebenan wuchs dafür der Herner TC heran. „Schade für Wanne-Eickel“, findet Kuhlmann das, „aber ohne jedes Ressentiment.“

Auch wenn er natürlich nicht mehr vor der Klasse steht, Sportlehrer ist Jürgen Kuhlmann noch immer. Er versucht sein Team zu lenken, gibt kleine Anweisungen: „Nicht den eigenen Mann überspielen.“ – „Links ist der freie Mann.“ – „Nicht immer auf die Gedeckten passen.“ – „Weniger dribbeln, eher abgeben.“ Sportlehrer halt, durch und durch, im besten Sinn.

Er ist dem Basketball treu geblieben, „aus Überzeugung“ sagt er: „Es ist ein sehr athletischer Sport. Außerdem sagt die Trainingslehre, dass man besonders im Alter weiter das machen soll, was man kann. Ich muss hier keine neue Koordination lernen. Dribbeln, passen, werfen, das kann ich.“ Ob der Sport ihn gesund hält? Kuhlmann ist skeptisch: „Man kann alle Krankheiten kriegen, da hilft Sport auch nicht. Aber man kann sich so einfach super fühlen.“ Nebenbei mache er noch etwas Krafttraining, gehe außerdem Schwimmen.

Sein Gesichtsausdruck verrät, dass er sich im Wasser nicht ganz so wohl fühlt wie zwischen den Körben in der kleinen Sporthalle, in der nicht mal eine Drei-Punkte-Linie gezogen ist.

Kuhlmann probiert es sowieso von näher, Mitteldistanz. Der Verteidiger steht zu weit weg. Wurf, der Ball tippt an den Ring, rauscht durchs Netz. Kurzer Applaus der Mannschaftskameraden, umdrehen, verteidigen. Zwei Punkte waren das. Wie viele er insgesamt geworfen hat in seiner Karriere? Kuhlmann winkt ab. Keine Ahnung.

Viele werden auch nicht mehr dazukommen. „Ich will mich nicht aufdrängen, die anderen sollen mich nicht durchschleppen müssen. Ich will kein Maskottchen sein.“ Die Mitspieler, egal ob Blau oder Weiß, sehen das naturgemäß anders, klagen über Personalmangel. Ob er sich doch noch überreden lässt? „Ich gebe zum 80. Geburtstag meinen Ausstand.
Vorsorglich.“