Praxistest EMS in Herdecke: Strom lässt Muskeln vibrieren

Sarah Müller testet für die Sportredaktion in Wetter das EMS-Training in Herdecke (rechts Personal Trainer Nico Spratte).
Sarah Müller testet für die Sportredaktion in Wetter das EMS-Training in Herdecke (rechts Personal Trainer Nico Spratte).
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Ein Fitnessstudio in Herdecke wirbt damit, Muskeln mit elektrischen Reizen zu kräftigen. Bringt das etwas? Unsere Mitarbeiterin testet dies sechs Wochen.

Herdecke..  Andere Kinder halten einen Grashalm an den Elektrozaun. Ich habe mich für den nackten Finger entschieden. Wenn schon, denn schon! Seit dem Kindergarten hat sich meine Einstellung gegenüber Strom verändert. Was bei anderen Menschen Spinnen und tiefe Abgründe auslösen, das schafft bei mir inzwischen alles, was elektrisch ist. Dazu gehören Wollpullis, Gummi-Schuhsolen, Teppichböden und Türklinken aus Metall, oder - wenn es ganz schlimm kommt - alles zusammen.

Deswegen gehe ich nicht unbedingt jubelnd zu meinem ersten EMS-Training. Gehe ich zugegebenermaßen meistens nicht, egal wie das Training heißt.

EMS steht für Elektrostimulationstraining. Dabei bekommen bestimmte Muskeln alle paar Sekunden einen elektrischen Reiz. In meinem Fall so etwas wie eine Ohrfeige zum Aufwachen. Mein neuer Personal Trainer Nico Spratte übersetzt es für mich so: „Eigentlich bestimmst du über deine Bewegungen, gleich übernehme ich das!“ Zum Glück misst dieses Elektrogerät, das aussieht wie ein Laufband ohne Laufband, nicht meinen Herzmuskel, denn der ist aus lauter Angst schon vor dem Training auf Rekordkurs.

Im Taucheranzug schwitzen

Ich schlüpfe in hautenge schwarze Baumwollunterwäsche, sexy wie eine Burka, aber immerhin gutmütig gegenüber Problemzonen. Bekanntlich geht es beim Sport nicht um gutes Aussehen. EMS hat es besonders auf die inneren Werte abgesehen – die da heißen: Körperfettanteil und Muskelmasse. Als wäre ich nicht schon bloßgestellt genug – man trainiert quasi direkt vor einer Schaufensterscheibe, mit Blick auf die Fußgängerzone –, steckt mich Nico noch in eine Art Taucheranzug, schnallt mir Manschetten um, die mich an das Blutdruckmessen beim Arzt erinnern, und verkabelt mich mit Elektroden. Ich komme mir irgendwie wichtig vor. Ein bisschen wie ein Stuntman beim Film, dessen Bewegungen mit moderner Technik genauestens analysiert werden und dann irgendwelchen Trickfiguren Leben einhauchen.

Die Vorstellung, Pate zu stehen für einen Avatar auf einem fremden Planeten, hilft mir nicht, den Schmerz auszublenden. Jedes Mal, bevor der Stromschlag kommt, soll ich meine Muskeln anspannen. Nico ist gnädig und stellt die Maschine auf sanftes Kribbeln ein. Das Gefühl, das ich auch habe, wenn sich ein eingeschlafenes Bein zum Aufwachen meldet. Nico dreht an einigen Rädchen, und die Stromschläge gehen in Richtung Brennnessel. Inzwischen hocke ich in Ski-Alpin-Abfahrtposition – und das Tal ist noch verdammt weit weg. Die Brennnessel wird zum Nagelbrett, und jetzt soll ich mich auch noch bewegen. Boxen, imaginäre Bierkästen in den dritten Stock wuchten, rudern, Telemark setzen und schließlich Sit-ups im Stehen machen. Zugegeben: Aufwärmunterricht für Anfänger, aber in Verbindung mit dem Strom der pure Marathon. Ich schwitze und keuche wenig elegant vor mich hin und bin trotz aller Scham doch ziemlich froh, dass jemand da ist, der mich anfeuert, denn ohne Trainer hätte ich den Taucheranzug wahrscheinlich samt Elektroden zum Trocknen in die Ecke gestellt. Das hier ist ein echter Vorteil für Menschen mit Motivationsdefiziten, wie ich es bin.

Es geht in die Tiefe

EMS verspricht, ein besonders effektives und intensives Krafttraining zu sein. Die Muskeln werden so stark gefordert, wie es kein Lachanfall der Welt schafft. Dabei bekommen besonders die tiefer liegenden Muskeln ihr Fett weg – buchstäblich. Nach einer Trainingseinheit kann ich die biochemischen Vorgänge meines Körpers zwar nicht wissenschaftlich belegen, aber ich fühle mich wie nach einem Triathlon – nicht dass ich jemals einen gemacht hätte.

Nico empfiehlt mir, Proteine zu essen und Magnesium gegen den anstehenden Muskelkater. Der kommt mit Ansage: Zwei Tage spüre ich alle Muskeln, die offenbar so tief liegen, dass ich gar nicht wusste, dass sie überhaupt da sind.