Nach Ligaerhalt lauthals Nachbarn aufgeweckt

David Becker ist leidenschaftlicher Fußballfan vom TSV 1860 München.
David Becker ist leidenschaftlicher Fußballfan vom TSV 1860 München.
Foto: WP

Hohenlimburg..  Wir schreiben den 2. Juni 2015, es ist 22.22 Uhr. Der 25-jährige David Becker rennt lauthals jubelnd durch sein Wohnzimmer, hämmert an Türen und Wände, weckt die Nachbarn auf. Was ist da denn los? Dabei ist der Fußballer des SC Berchum/Garenfeld doch sonst so ausgeglichen.

An diesem Abend schafft der TSV 1860 München den nicht mehr für möglich gehaltenen Klassenerhalt in der 2. Fußball-Bundesliga. David Becker ist leidenschaftlicher Fan der Löwen, an dem Verein hängt viel Herzblut, hat schon viele Höhen und Tiefen der Münchner miterlebt. So ist es durchaus nachvollziehbar, dass der Sozialarbeiter auch mal „ausrastet“. Wenn die 60-er spielen, steht David Becker vor der Flimmerkiste. „Sitzen kann ich da nicht.“ Nach einer Niederlage seiner Löwen sollte man ihn besser nicht ansprechen.

Im Alter von fünf Lenzen besucht David Becker mit seinem Großvater zum ersten Mal ein Spiel der Löwen – gegen den VfL Bochum. „Er hat mich sofort mit Schal und Trikot komplett ausgestattet“, erinnert sich der 25-Jährige. Die Leidenschaft der Münchner Fans erfasst den damals 5-Jährigen. Seit diesem Tag hält er dem TSV 1860 die Treue.

Champions-League-Qualifikation

David Becker verfolgt nun die Spiele seines Vereins regelmäßig. Zunächst geht es unter der Ära Werner Lorant stetig bergauf. „Die Champions-League-Qualifikation im Jahr 2000 war natürlich ein absolutes Highlight“, erzählt der Sportclub-Kicker. Aber es gibt im Leben eines treuen Fußball-Fans nicht nur Sonnenseiten. 2004 steigen die Löwen aus der ersten Bundesliga ab. Traurige Berühmtheit erlangt hier Francis Kioyo. „Er hat am vorletzten Spieltag gegen Hertha BSC Berlin einen spielentscheidenden Elfmeter verschossen“, so David Becker.

Aber ein wahrer Fan steht zu seinem Verein, egal in welcher Liga er spielt. So auch David Becker. Wenn der TSV 1860 München bei einem Verein in Nordrhein-Westfalen spielt – wie Düsseldorf oder Bochum – , ist er live vor Ort. „Jetzt sind ja auch Bielefeld und Duisburg dazu gekommen“, freut sich der 25-Jährige, in der kommenden Spielzeit zwei Löwen-Spiele mehr zu sehen. Ab und an nimmt er auch eine weitere Fahrt gerne in Kauf. „Die beste Stimmung in einem Stadion habe ich im Millerntor auf St. Pauli erlebt.“

Zum Oktoberfest

Einmal pro Saison fährt David Becker auch nach München. Meistens ein ganzes Wochenende, der Besuch eines Fußball-Spiels lässt sich dann mit einer Stippvisite auf dem Oktoberfest verbinden. „Einmal haben wir uns ein Tagesticket für 30 Euro geholt und sind mit Regional- und S-Bahnen nach München gefahren“, erzählt David Becker mit einem Schmunzeln. „Morgens um 8 Uhr ging es los, kurz vor dem Anstoß erreichten wir das Stadion.“

Einen Lieblingsspieler hat David Becker übrigens nicht. „Früher war es Harald Cerny, da er genau wie ich Außenspieler war. Den habe ich einmal auf der Hohensyburg getroffen.“ Cerny spielte von 1995 bis 2007 für die Löwen.

Bis heute spielt der TSV 1860 München ununterbrochen in Liga zwei. Aber damit wäre es kürzlich fast vorbei gewesen.

„2014/15 hat der TSV seine bisher schlechteste Saison gespielt. Von den Leistungen her wäre der Abstieg sogar verdient gewesen“, räumt David Becker ein. Der 25-Jährige kritisiert die Arbeit des umstrittenen Sportdirektors Gerhard Poschner. „Die Erwartungshaltung war zu hoch. Der Verein hat falsche Spieler verpflichtet, hat viele Spanier geholt anstatt auf die eigenen jungen Leute zu setzen.“

Fast die Quittung

Fast hätte der Verein die Quittung dafür bekommen. Die Löwen retten sich gerade noch in die Relegation, greifen nach dem letzten Strohhalm zum Ligaerhalt und treffen auf Holstein Kiel. Das Hinspiel im hohen Norden endet 0:0. „Hier wollte keiner Fehler machen. Vom TSV kam spielerisch wenig, Kiels Abwehr stand stabil“, weiß David Becker.

Das Rückspiel in der Allianz-Arena verfolgt Becker im heimischen Wohnzimmer mit seiner Freundin. „Eigentlich wollte ich ihr das nicht zumuten“, sagt er und lacht ein wenig.

Nach der Kieler Führung in der 16. Minute glaubt David Becker nicht mehr an die Wende. Spielerisch kommt von den Münchnern zu wenig. Unbeholfene 60-er, die dem Abstieg entgegenzutaumeln scheinen. Aber dann geht’s plötzlich rund. Adlung traf wie aus heiterem Himmel aus 14 Metern zum 1:1 (78.). „Auf einmal begannen die Kieler zu schwimmen“, so Becker. Die Atmosphäre wird hitzig, München macht Druck. Das Ende ist bekannt – Kai Bülow trifft in der Nachspielzeit zum 2:1 für die Löwen.

70 Sekunden eine Ewigkeit

70 Sekunden sind dann noch zu spielen. „Die kamen mir wie eine Ewigkeit vor“, beschreibt David Becker seine Emotionen. Nach dem Abpfiff von Schiedsrichter Kircher gibt es im Hause Becker kein Halten mehr. „Das war ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Das war unfassbar. Ich habe mich noch nie so gefreut, wie in diesem Moment. Aber danach war ich fix und fertig.“

Jetzt stellt sich auch David Becker die Frage, was der TSV 1860 München aus dieser Chance macht – das Glück hat der Verein herausgefordert. „Ich bin schon mal froh, dass der Trainer Torsten Fröhling bleibt. Er setzt nämlich auf die jungen Spieler“, sagt David Becker. Und eins steht fest – David Becker hätte auch in der 3. Liga zum TSV gehalten. „Einmal Löwe, immer Löwe!“

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