Mission in der Ostschweiz erledigt

Mit Prominenten wie  Rüdiger Abramczik, Olaf Thon und Uwe Fellensiekkickt Erdal Keser (2. von rechts) beim Rett-Benefiztag für den guten Zweck.
Mit Prominenten wie Rüdiger Abramczik, Olaf Thon und Uwe Fellensiekkickt Erdal Keser (2. von rechts) beim Rett-Benefiztag für den guten Zweck.
Foto: WP

Wil/Hagen..  Die Mission war kurz, sie dauerte ganze acht Tage. Und war erfolgreich. Für zwei Spiele sprang Erdal Keser als Helfer in höchster Abstiegsnot beim FC Wil ein. Der 53-jährige Hagener hielt den Zweitligisten aus dem Schweizer Kanton St. Gallen bei seinem ersten Trainerjob seit sechs Jahren in der Liga. Und im Profifußball - bei einem Abstieg hätten etwa 40 Klub-Angestellte ihren Arbeitsplatz verloren. „Erdal Keser hat am Klassenerhalt maßgeblichen Anteil“, würdigt Wils Präsident Roger Bigger, er habe der Mannschaft „deutsche Mentalität und türkische Entspanntheit“ gebracht. Der Interimscoach selbst formuliert es westfälisch direkt: „Ich wurde als Retter gebraucht und habe das durchgezogen.“

Zwischen zwei Polen pendelte Erdal Keser bei seiner Laufbahn im internationalen Fußball bisher stets hin und her. Zwischen Westfalen - in Hagen wuchs er auf und lebt hier bis heute, bei Borussia Dortmund wurde er zum Profi und Nationalspieler - und der türkischen Metropole Istanbul, bei deren Topklub Galatasaray er als Spieler, Co-Trainer und zuletzt Chefscout und Internationaler Koordinator fungierte. Ein kurzfristiges Engagement in der Ostschweiz als Nothelfer im Zweitliga-Abstiegskampf passt da nicht wirklich ins Bild. Doch der Kontakt nach Wil, das bestätigen Präsident und Trainer, besteht schon seit einem Jahr. Man sprach über den Einstieg eines türkischen Investor bei den Schweizern - mit Keser als Sportdirektor.

Bis die plötzliche Abstiegsgefahr in Wil eine Planänderung erforderte. „Wir sind etwas aus heiterem Himmel da reingeraten“, sagt Bigger über die Situation vor Pfingsten, als nach zehn sieglosen Spielen und einer 1:4-Pleite in Winterthur der Abstiegsrang plötzlich nur noch einen Punkt entfernt war: „Zum ersten Mal musste ich einen Trainer auswechseln.“ Chefcoach Francesco Gabriele musste seinen Posten räumen, als Nachfolger war Keser plötzlich die naheliegende Lösung. „Wir brauchten jemand, der die Mannschaft wachrüttelt. Und als ehemaliger Profi kennt Keser die Mechanismen genau“, sagt Wils Klubchef, als Galatasaray-Chefscout habe sich dieser zudem bereits mit dem Schweizer Fußball befasst.

Trotz der kurzen Vorbereitungszeit bewirkte Keser - zuletzt 2009 als Assistent von Erik Gerets in Istanbul auf der Trainerbank - den Umschwung. Beim FC Wohlen unterlag sein neues Team noch mit 0:2, aus Sicht von Coach und Präsident auch wegen eines „unberechtigten Elfmeters“ inklusive Roter Karte. Das entscheidende Saison-Finale gegen den FC Lausanne, gegen den die Wiler zuvor dreimal verloren hatten, gewann man aber deutlich mit 4:0 - und blieb so in der so genannten „Challenge League“. Mit einfachem, kompaktem Fußball habe Keser dies erreicht, sagt Bigger: „In der Mannschaft war nicht alles in Ordnung. Er hat es geschafft, dass sich alle auf den Ligaerhalt fokussieren.“

Trainer des FC Wil soll und will Keser nun nicht bleiben, auch wenn man dort von seiner Arbeit überzeugt ist. In übergeordneter Funktion dagegen spricht vieles dafür, dass der Hagener in die Schweiz zurückkehrt. „Es wäre für uns ein Super-Mehrwert, wenn wir Erdal Keser als Sportdirektor gewinnen könnten“, bekennt der FC-Präsident, von einer „sehr guten Erfahrung“ in Wil spricht der Interims-Coach.

Nach achttägigem Intermezzo in der Ostschweiz ist er jetzt zunächst wieder als Teamchef mit sozialer Ader in seiner Heimat gefordert: Mit dem „Rett-Dreamteam“ um Ex-Nationalspieler wie Rüdiger Abramczik, Thomas Helmer und Thomas Berthold trifft Keser am 13. Juni in der Kampfbahn Boelerheide auf die von Olaf Thon angeführten „Schalker Allstars“. Der Erlös dieses und vorangegangener Prominenten-Kicks, insgesamt bisher 130 000 Euro, sind für die Forschung zur Behandlung des Rett-Syndroms - eine genetisch bedingte, geistige und körperliche Schwerstbehinderung - bestimmt. Eine längere Mission, die Keser als Schirmherrn und Onkel eines betroffenen Mädchens schon seit zwölf Jahren beschäftigt.