Keine Chance beim Selbstversuch im Rollstuhl

Lokalsportredakteur Marian Laske (vorne) musste sich beim Praxistest häufig bücken, um den Ball aufzuheben. Schließlich landete die Federbällle meistens auf der Seite des Rollstuhl-Neulings.
Lokalsportredakteur Marian Laske (vorne) musste sich beim Praxistest häufig bücken, um den Ball aufzuheben. Schließlich landete die Federbällle meistens auf der Seite des Rollstuhl-Neulings.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Im Praxistest machte Lokalsportredakteur Marian Laske den Test und spielte eine Partie Para-Badminton gegen Marcel Hörenbaum. Oft traf er den Ball nicht.

Wengern..  Nach ein paar lockeren Ballwechseln, an deren Ende mal ich den Punkt erziele, mal Marcel Hörenbaum den Ball gekonnt an mir vorbei schlägt, stelle ich meinem Gegenüber eine Frage: „Du machst noch nicht ernst, oder?“ Als Antwort kommt nur ein Lachen und ein lockeres: „Nee.“

Eine halbe Stunde zuvor beginnt in der Sporthalle am Brasberg das für mich spannende Experiment. Zum ersten Mal in meinem Leben werde ich in einem Rollstuhl sitzen und gegen einen der besten Para-Badminton-Spieler Deutschlands antreten. Die Sportart, bei der man einen Federball über das Netz befördern muss, begleitet mich schon ein Leben lang: als kleines Kind im Garten mit den Eltern, in der Schule, später mit Freunden in der Freizeit. Doch noch nie musste ich mir dabei Gedanken machen, wie ich nach einem Stoppball wieder in das hintere Feld gelange. Das haben meine Beine automatisch für mich geregelt.

Doch diesmal kann ich mich nicht auf meine Beine verlassen. Ich sitze im Rollstuhl — und bekomme einen Eindruck davon, wie es ist, wenn man plötzlich nicht mehr gehen kann. Ein Schicksal, das zu Marcel Hörenbaums Leben gehört. Er ist an Muskeldystrophie erkrankt und kann seit rund sechs Jahren nicht mehr laufen. Bei einer Reha-Messe wird er damals auf Para-Badminton aufmerksam und schöpft durch die Sportart neuen Lebensmut. Auf seinen selbst gestalteten Visitenkarten steht: „Gib nicht auf, spiel Badminton.“

Die Hallenwand bremst mich

Dass das Leben im Rollstuhl eine immense Umstellung ist, wird mir schon nach ein paar Minuten klar. Eine Linkskurve wird mir zum Verhängnis. Anstatt das rechte Rad zu drehen, beschleunige ich erst mit der linken Hand, dann mit der rechten, dann wieder mit der linken, bis mich schließlich die Hallenwand bremst. Meine Koordination kommt mit dem neuen Fortbewegungsmittel nicht zurecht.

Diese Schwierigkeiten machen sich auch auf dem Platz bemerkbar. So lange mir Marcel Hörenbaum die Federbälle locker zuspielt, kann ich sie zielsicher zurückbefördern. Doch sobald der 20-Jährige variiert, einen kurzen, dann einen langen Ball schlägt, habe ich keine Chance. Da hilft es mir auch nicht, dass beim Para-Badminton nur im halben Feld gespielt wird. Mein Kopf will meine Beine benutzen, um nach hinten zu gelangen. Deswegen fliegen die langen Bälle über mich herüber. Unerreichbar für einen Fußgänger im Rollstuhl.

Zurück zu dem kurzen Gespräch an der Netzkante. Nachdem Marcel Hörenbaum mir klar gemacht hat, dass er mich verschont, bitte ich den Wetteraner, nun mal ernst zu machen. Ein paar Minuten und unzählige an mir vorbeisegelnde Bälle später greift sein Vater, Holger Hörenbaum, ein und sagt: „Spiel ihm die Bälle doch lieber zu.“ Zu offensichtlich ist, dass ich keine Chance habe.

„Drei bis vier Jahre hat es gedauert, bis ich ganz sicher mit dem Rollstuhl fahren konnte“, erklärt mir Marcel Hörenbaum. Der Wetteraner achtet im Wettkampf immer darauf, wo sein Gegner gerade steht, bevor er den Federball über das Netz befördert. Dass ich als Rollstuhl-Neuling keine Chance habe, sei ihm daher klar gewesen.

Mein Respekt für Marcel Hörenbaum ist auf jeden Fall noch einmal gestiegen. Ein Sportler, der nicht aufgibt. Und ein sehr guter Badminton-Spieler.