Ein neues Stück Freiheit auf dem Rad

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Hagen..  Das kleine Dorf Nador im Norden Marokkos ist kein Ort für Radfahrer. Wer seine Kindheit in den engen Häuserschluchten am afrikanischen Mittelmeer verlebt, hat andere Sorgen, als auf zwei Rädern zu strampeln. Bobbycar, Dreirad, Laufrad und Mountainbike – über den Fuhrpark, den manches deutsche Kind schon bis zu seiner Einschulung angesammelt hat, können marokkanische Kinder nur staunen. Und so war es für Haula Osman und ihre vier Geschwister völlig normal, dass sie der alleinerziehenden Mutter halfen, statt draußen zu spielen. Mit 13 kam Haula nach Deutschland, wo der Vater versucht hatte, ein besseres Leben für die Familie aufzubauen – und auch für ein Flüchtlingskind im Hagen der 80er Jahre war ein Fahrrad ein unerfüllbarer Wunsch.

Dass sie nun stolz Runde um Runde in der Verkehrsschule am Ischeland dreht, an roten Ampeln stoppt, den Arm zum Abbiegen hebt und sicher um Pylonen lenkt, verdankt die 42-jährige dem Projekt „Integration durch Sport“, das der Stadtsportbund bereits zum zweiten Mal speziell für Frauen mit Migrationshintergrund angeboten hat. Viele Helfer haben dieses kleine, für die Teilnehmer sehr wirksame Projekt ermöglicht: Der Radsportclub Hagen, der mit engagierten Ehrenamtlichen die praktische Ausbildung übernahm, der Stadtsportbund, der sämtliche Kosten trug und auch noch Helme für alle Teilnehmerinnen spendierte. Und natürlich die Hagener die die Fahrräder spendeten, die die Teilnehmerinnen am Ende des zehnwöchigen Kurses behalten dürfen sowie Zweirad-Mechaniker Bernd Trimborn, der die Räder überarbeitete.

„Musste teilweise ganz schön viel schrauben“, grummelt Trimborn nun mit unnachahmlich Hagener Charme. Zweifellos hatten die meisten der gespendeten Räder schon Monate oder Jahre ihr Dasein in Kellern und Garagen gefristet. Rücktrittbremse und Dreigangschaltung sind eben aus der Mode. Doch für die Migrantinnen, die nun im Alter zwischen 20 und 50 Jahren zum ersten Mal auf einem Rad sitzen, sind die Schätze perfekt. „Am Anfang hatte ich ganz schön Bammel“, gesteht Haula Osman und beschreibt, wie Aufsteigen, Gleichgewicht halten und erste Bremsversuche sie forderten. Davon ist am letzten Tag der Schulung, nach acht praktischen Einheiten, einer Theoriestunde und dem Erste-Hilfe-Kurs, nichts mehr zu spüren. Beim Anblick der fröhlich schnatternden, selbstbewussten Frauen, denen durch das Radfahren ein wenig mehr Unabhängigkeit geschenkt wurde, müssen auch die Verantwortlichen unweigerlich lächeln – darüber kann auch Trimborns rauer Ton nicht hinwegtäuschen. „Jetzt kann ich endlich meinen Mann und die Kinder bei ihren Fahrradtouren begleiten“, freut sich Haula Osman über ein Stück Normalität, die ihr bislang verwehrt war.

Für eine andere junge Frau war es zu gefährlich, als Kind Radfahren zu lernen. Die 33-Jährige möchte aus Angst um ihre Familie, die noch im Iran lebt, ihren Namen nicht sagen. Aus Sorge um ihr Wohlergehen mussten ihre Eltern ihr das Radfahren verbieten – denn die strengen Sittenwächter des Ayatollah unterscheiden nicht zwischen Christen und Muslimen, wenn es um die „Anstandsregeln“ für Frauen und Mädchen geht. In einem anderen Land hätte sich die junge Christin sicher schon früher am Radfahren versucht.

Seit sie in Deutschland lebt, leben muss, hat sich die 33-Jährige Schritt für Schritt ihre Welt erobert. Arbeiten darf die hochqualifizierte Dolmetscherin noch nicht, das verbietet ein absurdes Arbeitsgesetz für Flüchtlinge, die unter drei Monaten im Land sind. Ihr blauer Pass erlaubt den Aufenthalt bis September, was dann mit ihr und der 17-Monate alten Tochter passiert, steht in den Sternen. Doch daran denkt sie heute nicht – sie genießt den Fahrtwind und die Sorglosigkeit beim Radeln, und ein neues Stück Freiheit und Unabhängigkeit.

Gemeinschaft mit Gleichgesinnten

Gehört ein Text über einen Erwachsenen-Fahrradlernkurs in den Lokalsport? Darüber mag man unterschiedlicher Meinung sein. Sicher – für die Frauen geht es nicht um Tempo oder Wettkampf, und vermutlich hat Karl-Heinz Kubas vom Radsportclub auch Recht mit seiner Prognose, dass keine der Frauen in seinen Verein eintreten wird. Doch das Gefühl innerer Ruhe und das Glücksgefühl, das jeder Sportler kennt, der Hobby-Läufer beim ersten Halbmarathon ebenso wie der Volleyballer, dem der perfekte Schmetterschlag gelingt – dieses Gefühl erfahren heute auch 13 Frauen, die das Leben zufällig nach Hagen verschlagen hat. Und sie erleben eine Gemeinschaft, wie nur der Sport sie schafft, die Bewegung mit Gleichgesinnten, der Spaß an der Bewegung. Beim Sport treiben kommt es nicht auf die Herkunft, den Beruf, die Kleidung an – es zählt das gemeinsame Schwitzen und Kämpfen, das Lachen und Rangeln. Das ist Integration. Ein kleines Projekt wie dieses kann nicht die Welt retten. Aber für 13 Frauen hat es ihre kleine Welt entscheidend verändert.