„Bewegung ist nicht mehr selbstverständlich“

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Was wir bereits wissen
Neun Sportarten lernen die Kinder beim Ferienprojekt „Integration durch Sport“ des Stadtsportbundes Hagen kennen. Die Werbung für den Vereinssport ist bei der aktuellen Generation nicht mehr so einfach.

Hagen..  „Bewegung ist für viele Kinder nicht mehr selbstverständlich.“ Diesen Satz muss man erstmal sacken lassen. Fatih Kurukafa, Mitarbeiter beim Stadtsportbund Hagen (SSB) und dort vor allem für den Bereich Integration zuständig, sagt ihn fast wehmütig. Wir stehen in der Turnhalle der Gesamtschule Haspe, und schwelgen ein bisschen in Erinnerungen: Kinderturnen, Fußball, Leichtathletik, später Volleyball bzw. Boxen, natürlich alles im Verein – das gehörte zu unserem Kinderalltag in den 70er und 80er Jahren wie selbstverständlich dazu. „Wenn ich nach Hause kam, gab es Essen, dann schnell die Hausaufgaben gemacht – und ab zum Kicken“, erinnert sich der gebürtige Wetteraner. Und heute: Schule bis zum Nachmittag, und dann beherrschen Computer, Smartphone und die Spielekonsole das Leben der Kinder. Mit dem Ferienprojekt „Integration durch Sport“ will der SSB für den Vereinssport werben – doch einfach ist das nicht.

Während wir plaudern, machen sich 22 Kinder zwischen acht und 15 Jahren bei leichtem Ballspielen warm. Manche schon mit hochrotem Kopf, andere drücken sich an der hinteren Wand herum und lassen es eher langsam angehen. „Angemeldet hatten sich 30 – aber einige sind schon nach dem ersten Tag nicht mehr gekommen oder haben sich für heute abgemeldet. Wegen Muskelkater.“ Neun Sportarten lernen die Kinder in dieser Woche kennen. Kurukafa: „Natürlich ist unser Ziel, die Kinder für den Vereinssport zu interessieren – doch für viele ist ein komplexer Bewegungsablauf noch viel zu schwierig.“

Im Hallenrund hat mittlerweile Arzu Akbaba die Regie übernommen. Die Yoga-Lehrerin ist sehr erfahren im Umgang mit Kindern, bietet ihre Kurse seit zehn Jahren auch im Rahmen des Offenen Ganztags (OGS) in Schulen an. Die ersten Übungen finden im Sitzen statt. Willkommene Pause wohl für manchen, der schon im Kindesalter mit den Pfunden zu kämpfen hat – was etwa auf die Hälfte der Jungen und Mädchen hier zutrifft. Gerade hinsetzen, Rücken durchdrücken, Arme ausstrecken, Daumen nach oben – gar nicht so einfach. Die Übungen der Trainerin sind spielerisch: Mal stellen die Kinder mit ihrem Körper Tiere dar, mal Buchstaben. Sogar ein Yoga-Memory gibt es. Das ist ungewöhnlich, macht Spaß – und lässt die Jungen und Mädchen ein Gefühl für ihren Körper bekommen.

„Yoga ist ein wunderbarer Sport, um Stress abzubauen; es schult das Gleichgewichtsgefühl, stärkt die Muskelkraft und entspannt“, schwärmt Arzu Akbaba. Wie sie sich hinhockt, die Handflächen auf den Boden legt, und dann wie selbstverständlich die Füße vom Boden löst, lässt selbst die großen Jungs mit offenem Mund staunen. Der Selbstversuch zeigt sofort, dass das eine Übung für Fortgeschrittene ist. Den Baum hingegen – Stehen auf einem Bein, den anderen Fuß angewinkelt am Knie, und die Hände vor der Brust gefaltet – können alle Kinder. Sofort gibt es einen kleinen Wettkampf, wer diese Übung am längsten kann. „Kinder lieben es, sich zu vergleichen“, sind sich Fatih Kurukafa und die anwesenden Trainer einig. Eine kleine augenzwinkernde Andeutung auf die aktuelle Online-Petition gegen die Bundesjugendspiele. Nur ein Drittel der Kinder ist im Sportverein, aber bis auf zwei haben alle einen eigenen Computer und ein Handy. Und fast alle nutzen die Geräte auch täglich. „Für viele Kinder ist der Schulsport tatsächlich die einzige Gelegenheit in der Woche, sich mal zu bewegen“, weiß Kurukafa.

Probleme durch Einführung des OGS

Vermutlich werden weder die Faustballer des TSV 1860 noch der Hasper Fecht Club am Ende der Woche ein Dutzend neue Mitglieder verzeichnen – doch wenn auch nur ein oder zwei der Kinder am Probetraining teilnehmen, zu dem die Vereine am Ende ihrer Einheit einladen, ist vielleicht ein Schritt in Richtung Mitgliedschaft getan. „Es ist seit der Einführung des OGS für die Vereine schwieriger geworden, junge Mitglieder zu gewinnen“, erlebt auch Renate Hain aus der Geschäftsstelle des SSB. Da die meisten Sportvereine mit Trainern und Übungsleitern arbeiten, die berufstätig sind, können die wenigsten so wie Arzu Akbaba im OGS-Bereich Angebote machen. „Hinzu kommt, dass es einfach viel weniger Kinder gibt“, sagt Renate Hain mit Blick auf die geburtenschwachen Jahrgänge. Nur noch 12.671 Kinder bis 18 sind in Hagen Mitglied in einem Sportverein – das ist weniger als die Hälfte aller Jungen und Mädchen.

Es mag nicht repräsentativ sein, doch in dieser Woche sind es die so genannten Kampfsportarten, die den Kindern am meisten Spaß machen – trotz oder vielleicht gerade wegen der klaren Ansagen und Regeln. Fatih Kurukafa beobachtet, dass die Kinder etwa beim Basketball zwar staunend zuschauen, was die Trainer können. „Aber zum Mitmachen sind Seilspringen oder Schattenboxen scheinbar geeigneter. Und die Trainer hatten die Kids gut im Griff.“ Ausreden lassen sie nicht gelten – eine neue Erfahrung für manches Kind, das sonst beim ersten Schweißtropfen von überbesorgten Eltern gleich wieder ins Auto gepackt wird. „Natürlich liegt es auch an den Eltern, ob ein Kind die Liebe zum Sport entwickelt“, ist sich Kurukafa sicher. Bei ihm hat es gewirkt – ein Leben ohne Sport ist für ihn kaum vorstellbar. Vielleicht sollte der Stadtsportbund künftig einen Kurs für Eltern anbieten. „Wenn man mich früher bestrafen wollte, wurde mir für eine Woche der Sport gestrichen“, erinnert sich Fatih Kurukafa, der aus einer Sportlerfamilie stammt. „Heute verändern die Eltern lieber das WLAN-Passwort…“