Auf allen Kontinenten flott zu Fuß unterwegs

Der Geher Holger Flaßnöcker wurde 2014 Hagens Sportler des Jahres.
Der Geher Holger Flaßnöcker wurde 2014 Hagens Sportler des Jahres.
Foto: Michael Schuh

Hohenlimburg..  Die komplette Liste seiner Erfolge würde diesen Rahmen sprengen – deshalb seien nur die wichtigsten genannt. Holger Flaßnöcker wurde im Einzel sechsmal Deutscher Meister in der Seniorenklasse, mit der Mannschaft stand er jeweils zweimal bei Europa- und Weltmeisterschaften ganz oben auf dem Siegertreppchen. Und das in einer Sportart, die zwar seit 1932 olympisch ist, für viele Menschen aber etwas exotisch anmutet: Der 77-Jährige ist Geher.

84 Kilogramm Gewicht bei einer Größe von 1,84 Meter – keine Frage, Holger Flaßnöcker ist gut in Form. „Zwei- bis dreimal pro Woche trainiere ich am Hengsteysee“, erzählt der Hohenlimburger und fügt schmunzelnd an: „Meine Frau sieht das etwas skeptisch; um jedes Training und jeden Wettkampf muss ich kämpfen.“

Dabei hatte der gebürtige Altenhagener im Kindes- und Jugendalter mit dem aktiven Sport eher wenig zu tun. Wie andere Jungs, so wollte auch der Sohn eines früh verstorbenen Leichtathleten in einen Sportverein, doch seine Mutter erlaubte es nicht. „Als älterer Jugendlicher“, erinnert sich Flaßnöcker, der seit 43 Jahren in Reh wohnt, „wollte ich dann selbst nicht mehr, da Freunde und Schulkameraden bereits jahrelang trainiert und sportliche Höhen erklommen hatten.“ Erst 1963, Flaßnöcker arbeitete bereits als Ingenieur, kam es zu einem Schlüsselerlebnis: Er hörte vom Deutschen Turnfest in Essen, an dem jeder Interessierte ohne vorherige Qualifikation teilnehmen konnte – einzig eine Vereinszugehörigkeit war vonnöten. Also meldete sich der Mittzwanziger damals bei der TGH Wetter an, „wo ich nach einem halben Jahr eigentlich wieder austreten wollte.“ Doch daraus wurde nichts: 2002 war Flaßnöcker zum zehnten Mal beim Deutschen Turnfest mit von der Partie, 2013 erhielt er die goldene Nadel der TGH für 50-jährige Vereinszugehörigkeit.

Weiterer Meilenstein in der Karriere

Einen weiteren Meilenstein in seiner sportlichen Karriere markiert der Emster Concordialauf am Himmelfahrtstag 1969. Flaßnöcker nahm teil, landete mit einer Zeit von 51 Minuten aber im hinteren Teil des Feldes: „Und ich war kaputt wie ein Hund.“ Dann wurde vom Sprecher der Erstplatzierte in der Geher-Konkurrenz angekündigt, der leichtfüßig die Ziellinie überschritt. „Der war aber nicht nur wesentlich entspannter, sondern auch noch drei Minuten schneller als ich“, erzählt der Hohenlimburger. „Da habe ich mir gedacht: Das könntest du auch mal probieren.“

Tatsächlich erwies sich diese Entscheidung als goldrichtig, denn einerseits beherrschte Flaßnöcker die fürs Gehen nötige Kniestreckung, andererseits spielen Größe und Gewicht bei dieser Sportart keine so entscheidende Rolle: „Denn fürs Laufen war ich eigentlich zu schwer.“ 1970 absolvierte er den ersten Wettkampf im Gehen, bereits 1972 startete er bei der Qualifikation für die Deutsche Meisterschaft über 20 Kilometer in München. Ein unvergessliches Ereignis: „Es war die Generalprobe aller Sportarten für die Olympischen Spiele. Wir wohnten zusammen im olympischen Dorf und fühlten uns tatsächlich wie Olympia-Kämpfer.“

Zu einer Teilnahme im Hauptfeld bei großen nationalen oder internationalen Meisterschaften sollte es zwar nie kommen, doch Flaßnöcker gleicht einem guten Wein: je älter, desto besser. „Nach dem Eintritt in den Ruhestand 2002 habe ich ein bisschen mehr trainiert; außerdem konnte ich meine Leistung länger halten als andere“, erläutert der Hohenlimburger, warum er seither in den Seniorenklassen ganz vorne mitmischt.

Ob Australien, Südafrika oder Puerto Rico – auf allen Kontinenten ging der heute 77-Jährige bei Titelkämpfen an den Start. An tolle Erfolge wie die Mannschafts-Weltmeistertitel 2008 in Clermont-Ferrand oder 2014 in Budapest kann sich Flaßnöcker dabei genauso gut erinnern wie an seine schlimmste Niederlage, als er bei seiner ersten WM im Jahre 2005 das Podium um ganze drei Sekunden verpasste.

Noch nie disqualifiziert

Abbrechen musste er schon einige Wettkämpfe, die über Distanzen von 3000 Metern bis 50 Kilometern reichen, doch etwas macht ihn sichtlich stolz: „Ich bin in 46 Jahren nie disqualifiziert worden.“ Das soll sich auch künftig nicht ändern, denn ein Ende der sportlichen Laufbahn ist noch längst nicht in Sicht.