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Kampfkunst als Fingerübung

02.03.2011 | 17:25 Uhr
Kampfkunst als Fingerübung
Effektive Defensive: Jörg Uretschläger vermittelt auch die Kunst des Kyusho. Foto: Raffalski

Gladbeck.Es gibt im Internet, auf Youtube, dieses Video mit einigem Schauwert. Es zeigt Jörg Uretschläger, Kampfkunst-/Kampfsporttrainer bei der PSV Gladbeck/Recklinghausen, wie er Selbstverteidigung vorführt. So, wie es da zusammengeschnitten ist, sinken seine Trainingspartner, die die Rolle des Angreifers übernehmen, gleich reihenweise auf die Matte.

Und dabei hat Jörg Uretschläger doch gar nicht viel gemacht – denkt man, wenn man nicht weiß, was Kyusho ist. Kyusho ist in mehrerer Hinsicht Kampfkunst oder Selbstverteidigung aufs Wesentliche reduziert.

Denn Kyusho ist Selbstverteidigung von Wettkampfelementen befreit und mit Techniken ohne Faust, Handkante oder Fuß – sondern funktioniert auch mit einem Finger, der bestimmte Schwachpunkte des Körpers, so genannte Druckpunkte oder Akupressurpunkte trifft.

„Durch Reiben, Drücken oder Schlagen dieser Punkte werden beim Angreifer Gleichgewichtsstörungen, sogar bis hin zum K.O., verursacht“, erklärt Uretschläger. „Der Gegner wird kurz außer Kraft gesetzt, damit man sich einem Angriff entziehen kann.“ Im Video trifft Uretschläger bei seinen Trainingspartnern Punkte am Hals oder am Arm, auch an der Hand. Die Punkte zu treffen, ist das eine. Die Geschwindigkeit das andere. Kyusho heißt so viel wie „Erste Sekunde“.

Ohne Überraschungsmoment keine effektive Selbstverteidigung.

Wer sich das von Uretschläger mal – mit aller Vorsicht – demonstrieren lässt, etwa durch einen Kyusho-Griff an den Hals, bekommt eine Ahnung davon, was hinter der Formulierung steckt: „Die schwächsten Strukturen der Anatomie werden benutzt, um dem Körper Ausfallerscheinungen beizubringen.“

Mr. Spock lässt grüßen

Und der berühmte „Spock-Griff“ des Raumschiff Enterprise-Vulkaniers scheint – so schwebt es durchs leichte Schwindelgefühl – nicht allein eine Drehbuchautoren-Erfindung zu sein.

Jörg Uretschläger (3. Dan) hat Kyusho bei Lehrgängen kennengelernt. Die laufen in familiärer Atmosphäre ab, sagt Uretschläger, und dabei haben sie mit Kyusho ein altes und länger nicht sonderlich beachtetes Familiengeheimnis wiederentdeckt.

Er musste sich mit diesen speziellen Fingerfertigkeiten auch erst mal anfreunden, wie manche You Tube-Videozuschauer, die nicht so ganz glauben, was sie da sehen: „Auch nach 25 Jahren Kampfsport habe ich erst mal gedacht: Das geht nicht.“ Der Selbstversuch allerdings war dann auch für ihn überzeugend.

Der PSV-Trainer ist in Nordrhein-Westfalen der bisher einzige zertifizierte Studiogruppenleiter des Deutschen Kyusho-Verbandes. Bei der PSV Gladbeck/Recklinghausen sind es 30 Mitglieder, die seit einem Jahr regelmäßig das Kyusho-Training besuchen. Übrigens immer behutsam und sensibel im Umgang miteinander, versteht sich. Gegenseitiger Respekt gehört auch zu dieser Selbstverteidigungskunst beim Training dazu, die Grundvoraussetzung „Charakterfestigkeit“ sowieso. Dann kann Kampfkunst eine Fingerübung sein.

Stephan Falk

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