Westfalia 04 jubelt in giftgrün

Die Fußballer von Westfalia 04 bejubeln den Aufstieg in die Bezirksliga.
Die Fußballer von Westfalia 04 bejubeln den Aufstieg in die Bezirksliga.
Foto: Heinrich Jung

Bismarck..  Vier Minuten vor dem geplanten Anpfiff schleppte ein Betreuer eine prall gefüllte, schwarze Sporttasche in die Umkleidekabine von Westfalia 04 Gelsenkirchen. Die Ladung giftgrüner Jerseys war eine auf den letzten Drücker herbei geschaffte Notlösung. Denn der rote Trikotsatz war verschwunden. Er lag durchschwitzt in der Wäscherei an der Magdeburger Straße. Vor der Kabine schaute das Schiedsrichter-Gespann ungeduldig auf die Uhr, auch die Kicker der DJK Wattenscheid mussten auf ihr Spiel des Jahres warten. Eine Szene, die sinnbildlich für die Saison der Fußballer vom Trinenkamp war. Immerhin: An Ideenreichtum mangelt es dem Klub nicht, wenn es darum geht, Lösungen für selbstgemachte Probleme zu finden.

Letztes Spiel für Holger Gehrmann

Die Verantwortlichen für die verschwundene Sportbekleidung wurden noch am Sonntag ermittelt. Die Alt-Herren hatten die roten Hemden am Vortag bei ihrem 3:2-Kreispokalerfolg gegen den VfB 09/13 Gelsenkirchen getragen. Kein Problem eigentlich. Allerdings hatte die Westfalia zum Rückspiel der Aufstiegsrelegation nur noch blaue Hemden im Schrank. Eine Farbe, die jedoch für den Gegner aus Wattenscheid reserviert war.

Sorgen ganz anderer Tragweite hatte Holger Gehrmann. Seine Mannschaft musste am Sonntag die 2:3-Hinspielniederlage gegen die DJK Wattenscheid wettmachen. Das gelang der Westfalia trotz eines 0:1-Rückstandes. Über 800 Zuschauer bejubelten den 5:2-Erfolg nach Verlängerung und feierten im Anschluss Mannschaft und Trainer.

Ungeteilte Freude kam bei Holger Gehrmann trotz des erfolgreichen Saisonabschlusses nicht auf. Natürlich feierte Westfalias Erfolgstrainer zusammen mit seinen Jungs den in vier zusätzlichen Spielen erkämpften Erfolg. Er hatte aber gerade jetzt – in den schönsten Momenten einer langen Saison – mit den Umständen seines Abschieds zu kämpfen. Nachtreten kam für den 53-Jährigen aber nicht in Frage. Viel Glück wünsche er seinem Nachfolger. Frank Kandsorra ist ab Mittwoch offiziell für die sportliche Leitung des Bezirksligisten verantwortlich. Dass Gehrmann gerne länger bei der Westfalia geblieben wäre, daraus macht er kein Geheimnis. Der Vorstand teilte ihm jedoch schon vor einem halben Jahr mit, dass der nun am 1. Juli auslaufende Vertrag nicht verlängert werde. Gehrmann wird in der kommenden Saison die zweite Mannschaft der SpVgg. Erkenschwick trainieren.

„Das alles ist keine Entscheidung gegen Holger. Wir sind ihm dankbar für die geleistete Arbeit, für die Meisterschaft und den Aufstieg“, erklärt Westfalias Vorsitzende Gaby Moczarski. Viel mehr sei der vor sechs Monaten gefasste Entschluss eine Entscheidung für Frank Kandsorra gewesen: „Als Frank seine Arbeit als Trainer der A-Junioren bei der SG Wattenscheid 09 beendet hatte, sind wir an ihn herangetreten.“ Kandsorra, der schon zwei Mal am Trinenkamp arbeitete, unterscheide sich in seinem Profil nicht einmal grundlegend von seinem Vorgänger: „Auch Holger Gehrmann hat ein gutes Händchen für junge Fußballer. Aber Frank Kandsorra ist eben unsere Wunschlösung.“

Trainingsauftakt am 12. Juli

Kandsorra wird am 12. Juli erstmalig seine neue Mannschaft trainieren. Bei den Entscheidungsspielen gegen Genclerbirligi, den Erler SV 08 und in den Relegationsspielen gegen Wattenscheid gehörte der 45-Jährige zu den insgesamt mehr als 3000 Zuschauern. „Ich muss den Hut vor Spielern, vor Trainer Gehrmann und den Betreuern ziehen. Vier K.O.-Spiele in 14 Tagen nötigen mir großen Respekt ab“, so Kandsorra, der für die neue Saison bescheidene Ziele formuliert: „Die Bezirksliga wird schwer. Für uns geht es allein darum, drei Mannschaften hinter uns zu lassen.“

Ein Aufstiegsheld kam von der Ersatzbank

Rückblick: In Wattenscheid läuft die fünfte Minute der Nachspielzeit, als Schiedsrichter Benjamin Schäfer auf Strafstoß entscheidet. Westfalia 04 Gelsenkirchen liegt an diesem Donnerstag-Abend im Hinspiel der Aufstiegsrelegation mit 1:3 zurück. An eine mögliche Rückkehr in die Bezirksliga glaubt bis zu diesem Pfiff kaum noch jemand. Doch jetzt ist sie da, die Chance auf das 2:3 und eine günstige Ausgangslage für das Rückspiel. Doch Verantwortung übernehmen will zunächst niemand. Während sich die Gelsenkirchener Fußballer fragend anschauen, schnappt sich der erst zehn Minuten zuvor eingewechselte Hayrettin Celik den Ball. Der Edel-Joker hat in diesem Moment das, was Oli Kahn beim Bauern kauft. Er läuft an und trifft sicher. „Ich kann mit Drucksituationen umgehen“, sagt der 27-Jährige, der als Jugendlicher zusammen mit Mesut Özil spielte und eine fußballerische Ausbildung beim FC Schalke genoss, „Ich war der Älteste auf dem Platz. Ich konnte mich nicht drücken. In so einer Situation darf man nicht lange nachdenken.“

Auch am Sonntag sitzt Celik erst auf der Bank. Trainer Holger Gehrmann bringt ihn in der 74. Minute beim Stand von 3:2. Die Hinspielniederlage ist nach 90 Minuten wettgemacht, über den Aufstieg muss jetzt die Verlängerung entscheiden. Oder das Elfmeterschießen. Doch dazu kommt es nicht. In der 100. Spielminute flankt Celik in den Strafraum. Wattenscheids Keeper fängt die Flanke ab, prallt dann aber mit einem Mitspieler zusammen und lässt den Ball vor die Füße von Valentin Zimmermann fallen. Der schiebt zum 4:2 ein.

Für Celik endet die Zeit bei der Westfalia mit dem Aufstieg in die Bezirksliga. Er wird sich in der kommenden Saison verstärkt seiner Trainertätigkeit bei Westfalia Herne widmen.