Immer mehr verschwindet
30.12.2010 | 17:56 Uhr 2010-12-30T17:56:00+0100
Liebe Oma, du bist sicherlich schon sehr gespannt, was ich dir so alles vom Gelsenkirchener Sportjahr 2010 berichten kann. Nicht viel. Vielleicht sogar noch weniger. Abgesehen natürlich vom FC Schalke 04, der in dieser 260 000-Einwohner-Stadt auch dann alles in den Schatten stellt, wenn es überhaupt nicht läuft. Aber dazu später mehr.
Also: Meinen Traum von einer attraktiven Sporthalle habe ich eh längst begraben. Weil sich der Trend immer mehr fortsetzt, muss ich aber auch langsam erkennen, dass Gelsenkirchen nur einen Tempel für Fußballer, aber keinen für Hallensportler braucht. Wie sollte da auch jemand hinkommen? Ich hatte in den vergangenen Tagen den Eindruck, Gelsenkirchen sei die einzige deutsche Stadt, in der der Schnee nicht von den Straßen geräumt wird und in der es überhaupt kein Streusalz gibt. Es ist ein schon kleines Wunder, dass mein Auto bislang keine einzige Beule hat.
Buntsport
Immer größer werden die Beulen bei den Randsportarten in dieser Stadt. Oje! Randsport soll ich ja gar nicht mehr schreiben. Ein Kollege in Essen hat jetzt den Buntsport kreiert. Nur bunt sind die Randsportarten hier auch nicht, und deshalb brauchen sie eigentlich auch keine tolle Sporthalle oder gar Veranstaltungshalle. Die Entwicklung der vergangenen Jahre setzt sich brutal fort. So brutal, dass es kaum jemand bemerkt, dass der Weg auch durchaus noch nach oben führen kann – wie zum Beispiel bei den Schwimmern der Startgemeinschaft.
Die Hauptaufgabe aber zum Jahresende ist – wieder einmal – zu zählen, wer und was denn alles so versunken oder gar völlig verschwunden ist. Da ist es inzwischen fast schon langweilig, zum x-ten Mal mitzuteilen, dass es hier einst vor ganz langer Zeit Bundesliga-Boxen gegeben hat. Oder Eishockey mit dem tschechischen Weltstar Jaromir Jagr, wenn auch nur für ein einziges Spiel für die Schalker Haie. Oder eine Galopprennbahn. Und die Trabrennbahn, die ist auch schon lange nicht mehr das, was sie einmal war.
Viel eklatanter aber sind in den vergangenen Jahren die vielen schleichenden Prozesse, die in erster Linie auch damit zu begründen sind, dass es für kleine Vereine in der Schalke-Stadt sehr schwierig ist, potenzielle Sponsoren zu finden. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die Liste der Beispiele, die mir einfällt, nicht komplett ist. Aber sieh mal: Den BC Feldmark zum Beispiel, der wegen seiner Dreiband-Mannschaft eine Top-Adresse des Billards war, gibt es überhaupt nicht mehr: pleite. Die Tischtennis-Spieler des TTC Horst-Süd, die immerhin Oberligist waren, jagen die Zelluloid-Kugeln nur noch über Bezirksklassen-Tische – vier Ligen tiefer. Und da macht auch der Einwand wenig Sinn, dass wir ja noch drei Verbandsligisten haben.
Es ist vor allem die Unterstützung, die fehlt. Ich meine noch nicht einmal die finanzielle. In Ostwestfalen zum Beispiel hat jedes Dorf mindestens einen Handball-Oberligisten, weil ein Sportverein dort eine Herzensangelegenheit ist. Und was hat Gelsenkirchens Handball? Nur noch einen wackeligen Landesligisten, der auch durch die Spielgemeinschaft zwischen dem FC Schalke 04 und SuS Schalke 96 nicht wirklich weitergekommen ist. Noch nicht. Und wenn man dann mal bei einem HSG-Heimspiel auf die Tribüne der Schürenkamp-Halle blickt, die trotz der aufwendigen Drei-Millionen-Euro-Verbesserungen durch das Konjunkturprogramm II immer noch hässlich ist, stellt man sich die Frage, ob besserer Handball überhaupt gewünscht ist. Immerhin: Als sich Südkoreas Nationalmannschaft im September hier vorstellte, gab es mal so etwas wie Stimmung.
Besser als Farfán
Stimmung!? Die geht immer mehr flöten. Oder sie bleibt, wie sie ist. Die Basketballer des FC Schalke 04 haben in der 1. Regionalliga zumindest dieselbe treue Fan-Gemeinde wie in der 2. Bundesliga. Und die Judoka des JC Koriouchi Gelsenkirchen werden nun nach zwei Abstiegen in Serie auch in der Oberliga alleine kämpfen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit – wie schon in der 2. Bundesliga. Das ist alles sehr schade. Aber es kann auch nicht der Sinn sein, die Regeln ständig so zu ändern, dass der Rand- – oje, der Buntsport natürlich – interessanter werden könnte. Für die Zuschauer, vor allem aber auch für die Medien, um über diese Schiene Sponsoren zu gewinnen und Geld in die Vereinskasse zu spülen. Wenn die Leute es jedoch nicht sehen wollen und lieber ihre Fußball-Stars bejubeln oder Biathleten, die wegen der Löcher im Dach der Veltins-Arena diesmal nicht schießen durften, muss das wohl auch jeder, der es nicht versteht, akzeptieren.
Ach, wirst du denken: Ich soll aufhören zu jammern, ich habe doch den FC Schalke 04, einen renommierten Fußball-Bundesligisten. Aber glaube mir: Ein Spaßfaktor ist das auch nicht immer, eher selten. Wenn wir zum Beispiel Interviews mit Schalker Spielern oder Verantwortlichen führen, werden die Texte, so heißt es nun mal, autorisiert. Das bedeutet, dass in der Zeitung in diesen Fällen nur das erscheint, was der Verein auch will. So passiert es , dass Interviews plötzlich eine ganz andere Reihenfolge haben oder Antworten auftauchen, die der Befragte so nie gegeben hat. Das geht immer zu Lasten der Unterhaltung. Es soll anscheinend nicht gelacht werden. Und ich frage mich, was daran so schlimm ist, wenn zum Beispiel Lukas Schmitz sagt, unser Hattinger Junge, dass Bayern Münchens Arjen Robben wohl noch einen Tick besser sei als Jefferson Farfán, der Schalker. Oder dass Clemens Tönnies, der Vorsitzende des Aufsichtsrates, gesagt hat, dass er den Eindruck gehabt habe, Oliver Kahn habe ein gestörtes Verhältnis zu Schalkes Trainer Felix Magath. Der ehemalige Nationaltorwart vom FC Bayern, der hier vor anderthalb Jahren als Manager im Gespräch war, hatte nämlich gesagt, dass das System Magath lediglich zwei Jahre funktioniere.
An dieser Stelle muss ich mal sagen, dass dieses System Magath, das hier vier Jahre laufen soll und einigen sehr, sehr weh getan hat und wohl auch noch tut, zumindest auf dem Rasen im ersten Jahr offensichtlich prächtig funktioniert hat: Platz zwei in der Bundesliga und Qualifikation für die Champions League, in der die Schalker inzwischen das Achtelfinale erreicht haben. Nun bin ich mal gespannt, was die Rückrunde bringen wird. Alles andere scheint eh uninteressant zu sein, und das gilt auch für die vielen kleinen Gelsenkirchener Fußball-Klubs, für die es immer schwieriger wird, weil das Ehrenamt ausstirbt, und die im Schatten der Deutschen Fußball-Liga und des Deutschen Fußball-Bundes, obwohl dieser ihre Dachorganisation ist, kaum eine Chance haben. Es zählt nur das Geld, das große Geld. Es zählt nur, dass die Reichen, zu denen der FC Schalke 04 trotz aller Verbindlichkeiten gehört, immer mehr und die Armen immer weniger bekommen. Wie im Leben sonst auch. Die Rücksichtslosen, Oma, die setzen sich immer mehr durch. Und das macht mir Angst.
Du hast recht! Ich jammere schon wieder. Ich hatte aber 2010 auch ein sehr tolles Erlebnis. Es war sozusagen mein schönster Arbeitstag. Ich bin in den Dülmener Stadtteil Buldern gefahren und habe dort Klaus Zerta kennengelernt. Der hat 1960 als 13-Jähriger bei den Olympischen Spielen in Rom den Zweier des Rudervereins Gelsenkirchen zur Gold-Medaille gesteuert. Er strahlt heute noch, wenn er seine Medaille sieht. Er ist trotz seiner 1,90 Meter ein kleiner, ein bescheidener Sportler geblieben.
So, das soll’s für heute gewesen sein. Ich wünsche dir alles Liebe und Gute, einen guten Rutsch und bis bald,
Dein Andree (AHa).
20:54
#2
Und an der mangelnden Präsenz anderer Sportarten im Gelsenkirchener Sportteil trägt zu einem großen Teil der Autor dieser Glosse teil.
13:36
Es liegt doch sehr viel Wahrheit in der Glosse. Der durchaus sehr erfolgreiche SG-Schwimmkader Gelsenkirchen z.B. muss zum Training auf einer 50m Bahn nach Duisburg ausweichen, weil die Stadt Gelsenkirchen so etwas nicht zu bieten hat und sich auch keine Mühe macht das zu ändern. Viele potenzielle Sponsoren winken ab, wenn es darum geht, eine finanzielle oder sachliche Beteiligung an den Schwimmfesten zu übernehmen - weil wir doch schon den FC Schalke 04 unterstützen- so häufig die Begründung zur Ablehnung.
Leider ist aber auch die WAZ nicht gerade ein Vorbild neben dem Fußball auch andere lokale Sportarten gleichberechtigt zu kommentieren und zu unterstützen. Sportberichte der SG- Schwimmen Gelsenkirchen werden, wenn überhaupt nur viele Tage später und extrem gekürzt veröffentlicht. So kann man dem Verschwinden nicht entgegenwirken. Etwas mehr Unterstützung durch medienwirksamer Bekanntmachung für die Aktivitäten neben dem Fußball wären auch für eventl. Sponsoren interessant und der Buntsport hätte eine Chance.
22:43
Dass Magath auch fuer den Niedergang der Stadt Gelsenkirchen verantwortlich ist, hätte noch deutlicher herausgestellt werden können.
Oder brauchen wir vielleicht mehr Typen wie Magath, um diese Entwicklung umzukehren?