Elf Meter zwischen Glück und Frust

In dieser Szene ist Hesslers Keeper Ajdin Mehmedagic chancenlos. Ufuk Ataman köpft den Ball zum 2:2 über die Linie.
In dieser Szene ist Hesslers Keeper Ajdin Mehmedagic chancenlos. Ufuk Ataman köpft den Ball zum 2:2 über die Linie.
Foto: Michael Korte

Gelsenkirchen..  Die Nacht, die dem dramatischen Spiel folgte, hätte für etwas Abstand sorgen können. Doch die 90 Minuten gegen den SV Hessler 06 ließen Sasan El-Zein nicht los: „Keine Minute habe ich geschlafen, mir geht es beschissen“, erklärte der Fußballer am Montag. Zwischen ihm und der Meisterschaft für Blau-Weiß Gelsenkirchen standen in der 81. Minute nur elf Meter und Torhüter Ajdin Mehmedagic. Der 28-Jährige scheiterte und das Spiel endete 2:2. Ein folgenschwerer Fehlschuss: Genclerbirligi Resse und Westfalia 04 zogen noch am Spitzenreiter vorbei. Sie machen nun in einem Entscheidungsspiel den Meister unter sich aus.

„Wir haben am Sonntag schon um 9 Uhr angefangen, alles vorzubereiten. Zelte wurden aufgebaut, die Bierbude und der Grill hergerichtet. Es sollte einfach ein schöner Tag werden“, berichtet Ralf Poddey. Der Vorsitzende der DJK Blau-Weiß Gelsenkirchen war am Montag damit beschäftigt, die Überreste der traurigen Abschlussfeier zu beseitigen. Der 54-Jährige stand im Container, der den Blau-Weißen als Vereinsheim dient und spülte Biergläser. „Wenn es nicht klappt, ist es auch nicht tragisch“, hatte Poddey noch vor dem Spiel gesagt. Er sollte sich irren.

Volles Haus am Schürenkamp

500 Zuschauer waren zum letzten Saisonspiel auf die Sportanlage am Schürenkamp gekommen. Sie wollten den 23. Sieg der Blau-Weißen sehen und im Anschluss die Meisterschaft feiern. Doch schon die ersten Minuten dämpften die Erwartungen. Der SV Hessler 06 ging nicht nur früh in Führung, sondern traf in der 26. Minute sogar zum 2:0.

„Da habe ich immer noch fest an unsere Mannschaft geglaubt“, sagt Ralf Poddey rückblickend. Vor der Pause durfte der Vereinsboss immerhin noch den Anschlusstreffer bejubeln, den Sasan El-Zein per Strafstoß besorgte. In der 60. Minute traf dann Ufuk Ataman zum längst fälligen 2:2. Eine halbe Stunde war da noch für den nötigen Siegtreffer. „Der Gegner hat den Ball nur noch in die Sträucher gekloppt“, schildert Poddey die Szenen bis zum Abpfiff. Blau-Weiß erspielte sich Chancen am laufenden Band, doch das Tor wollte einfach nicht fallen. Dann gab es sie aber dennoch, die eine große Chance auf den Siegtreffer. Schiedsrichter Pascal Przygoda entschied in der 81. Minute zum zweiten Mal auf Strafstoß. Sasan El-Zein schnappte sich den Ball.

„Ich hatte keinen Zweifel daran, dass ich den reinmache“, erklärte El-Zein am Montag. Sein Kapitän Ufuk Ataman hatte sich als Schütze angeboten, aber El-Zein wollte selbst die Verantwortung tragen und seine Mannschaft mit diesem einen Schuss zur Meisterschaft führen. El-Zein legte sich den Ball zurecht und nahm Anlauf. Die Szene, die mit einem Reflex von Torhüter Ajdin Mehmedagic endete, hat er ganz genau vor Augen: „Ich wollte in die rechte Ecke schießen, aber dann bin ich mit dem Standbein weggerutscht.“ Der Ball flog halb links Richtung Tor und Hesslers Schlussmann war zur Stelle. Bruchteile einer Sekunde, über die El-Zein einen ganzen Roman schreiben könnte: „Mir ist direkt schwindelig geworden. Am liebsten wäre ich tot umgefallen.“

Für den 28-Jährigen brach eine kleine Welt zusammen. Er hatte sich die Momente nach diesem Elfmeter ganz anders ausgemalt. Er wollte den blau-weißen Anhängern jubelnd sein Shirt unter dem Trikot präsentieren, mit einem Finger auf das aufgedruckte Foto von Lothar Hennig zeigen. „Ich wollte ihm meinen kleinen Anteil an der Meisterschaft widmen“, sagt El-Zein über den verstorbenen Sportlichen Leiter und Vater von Trainer Dirk Hennig.

Der Ball wollte nicht über die Linie

Der Tag endete anders. Den Blau-Weiß halfen auch die verbleibenden zehn Spielminuten nicht, der Ball wollte einfach nicht mehr über die Torlinie. „Diese Enttäuschung ist einfach unglaublich. Ich habe mir nach dem Spiel geschworen, nie wieder ein Trikot anzuziehen. Das wird für mich immer ein rabenschwarzer Tag bleiben“, erklärte El-Zein nach einer schlaflosen Nacht. Eine Ankündigung, die sein Vereinsboss Ralf Poddey nicht auf die leichte Schulter nimmt: „Dieses Spiel hat bei uns schon einen dicken Kratzer hinterlassen. Uns werden sicher einige Spieler verlassen und wir müssen eventuell einen Neustart machen.“ Ein Saisonziel 2015/16 will Poddey nicht formulieren. „Wenn wir aufsteigen, ist das klasse. Und wenn nicht, ist das auch nicht tragisch.“